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Fachzeitschrift SuchtMagazin 2/00 |
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Suchtprävention
im Spielcasino – eine weitere Paradoxie in der Suchthilfe? Das neue Spielbankengesetz verpflichtet die Casinos, im Rahmen eines Sozialkonzepts Präventionsaktivitäten anzubieten. Für Fachstellen stellt sich nun die Frage, ob sie mit Einrichtungen zusammen arbeiten sollen, die mit ihrem Angebot die Spielsucht unterstützen und, wenn ja, wie wirkungsvolle Prävention unter diesen Bedingungen gestaltet werden kann.
Martin Hafen
Im
Vorfeld der Lancierung des neuen Spielbankengesetzes wurde die Leitung
einer kantonalen Präventionsfachstelle von einem Casinobetreiber
angefragt, ob sie bereit sei, für das zu eröffnende Casino ein Präventionskonzept
zu entwickeln. Der Entscheid fiel negativ aus. Die Präventionsfachleute
argumentierten, es sei doch paradox, für ein Unternehmen präventiv tätig Im
Folgenden soll zum einen der Frage nachgegangen werden, ob es wirklich so
«paradox» ist, die Spielcasinos bei der Erarbeitung von Präventionskonzepten
zu unterstützen. Zum andern werden einige Gedanken über die besonderen
Umstände dargelegt, die Präventionsfachleute in Spielcasinos erwarten könnten,
wenn sie sich denn für ein Engagement in diesem Wirkungsbereich
entscheiden.
Was ist eine Paradoxie?
Zuerst
lohnt es sich, einen Blick auf den Begriff der Paradoxie zu werfen. Aus
systemtheoretischer Perspektive entstehen Paradoxien, «… wenn die
Bedingungen der Möglichkeit einer Operation zugleich auch die Bedingungen
ihrer Unmöglichkeit sind.»1 Als Beispiel für eine paradoxe
Aussage wird gelegentlich der Satz des Epimenedes herangezogen, der als
gebürtiger Kreter sagte: «Alle Kreter lügen.» Wenn Epimenedes die
Wahrheit sprach, dann war er die Ausnahme von der absoluten Regel und
widerlegte diese damit. Hatte er gelogen, so hatte er dem Inhalt seines
Satzes zwar nicht widersprochen, ihn aber trotzdem widerlegt, da seine
Aussage ja eine Lüge war.
«Paradoxien» in der Suchtarbeit
In
unserem Alltag haben wir es bisweilen mit Erscheinungen zu tun, die auf
den ersten Blick so widersprüchlich wirken, dass wir sie gerne als «paradox»
bezeichnen. Gerade im Suchtbereich lassen sich immer wieder Beispiele für
solche «Paradoxien» finden: Viele Suchtfachleute empfanden es z.B. als
paradox, als 1993 80 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung die so
genannte «Zwillingsinitiative» und damit ein Verbot von Alkohol- und
Tabakwerbung ablehnte, gleichzeitig aber eine mindestens ebenso grosse
Mehrheit kund tat und tut, dass sie Präventionsmassnahmen im Suchtbereich
vorbehaltlos unterstütze. Andere
Beispiele sind die Einrichtung von Gassenzimmern oder die Spritzenabgabe
in Gefängnissen. Solche Massnahmen werden nicht selten als paradox
empfunden: Da gibt es auf der einen Seite im Staate Schweiz ein Gesetz,
welches den Konsum von Drogen verbietet, und auf der andern Seite richtet
der gleiche Staat Räume ein, wo die Drogenabhängigen völlig legal und
quasi vor den Augen der Polizei ihre illegalen Handlungen vollziehen können.
Noch widersprüchlicher ist die Situation im Gefängnis, wo Drogenabhängige
mit Spritzenmaterial beliefert werden, obwohl sie nicht selten wegen
Drogendelikten ins Gefängnis gekommen sind.
Unauflösbare und auflösbare Paradoxien
So
paradox diese Beispiele auch wirken: sie sind keine eigentlichen, unauflösbaren
Paradoxien wie das Kreter-Beispiel von Epimenedes oder sein anderes
bekanntes Beispiel, die Aussage «Dieser Satz ist falsch»2.
Betrachtet man die «Alltags-Paradoxien» näher, so fällt auf, dass es
sich dabei in der Regel gar nicht um eigentliche, unauflösbare Paradoxien
handelt, sondern um massive Vereinfachungen von komplexen
gesellschaftlichen Zusammenhängen. «Der Staat» – so heisst es etwa
– «verbietet Drogen und erlaubt sie dann ‹hintendurch› doch wieder.» Wenn
man sich die Mühe macht, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu
entflechten und dabei «Gesellschaft» nicht einfach mit «Staat»
gleichsetzt, werden solche «Paradoxien» oder besser: Widersprüchlichkeiten
besser verständlich. Die moderne Gesellschaft teilt sich – so die These
der Systemtheorie3 – in verschiedene Systeme, welche
bestimmte Funktionen erfüllten: die Wirtschaft regelt Knappheiten von Gütern/Dienstleistungen
und Geld; die Politik trifft Entscheidungen, die das Zusammenleben
regeln sollen; das Rechtssystem unterscheidet zwischen Recht und Unrecht,
die Wissenschaft zwischen wahr und unwahr etc. Diese
Systeme operieren alle nach ihren eigenen Strukturen, nach eigenen
Prinzipien, wobei sich ihre Operationen mitunter auch nach den Operationen
anderer Systeme ausrichten und sich damit in einen Zustand der «strukturellen
Kopplung» begeben, um bei der Terminologie der Systemtheorie zu bleiben.
Unterschiedliche Sichtweisen und …
Die
Entscheidungen über Gesetze wie das Betäubungsmittelgesetz werden im
politischen System getroffen und vom Rechtssystem aufgenommen. Die
Umsetzung der gesetzlichen Bestimmungen wird innerhalb der Gesellschaft
beobachtet, wobei diese Beobachtung in den einzelnen gesellschaftlichen
Systemen unterschiedlich ausfällt. Das
Wirtschaftssystem stellt fest, dass das Drogenverbot die Nachfrage nach
Produkten wie Heroin nicht entscheidend reduziert hat. Also bildet es
Strukturen aus, die darauf ausgerichtet sind, die bestehende Nachfrage
trotz des Verbotes zu befriedigen. Diese Strukturen werden gemeinhin als
«Schwarzmarkt» bezeichnet. Dieser Schwarzmarkt unterscheidet sich vom «offiziellen»
Markt nicht in der Grundstruktur – immer noch werden Knappheiten (in
diesem Fall: Drogen) durch andere Knappheiten (Geld) ersetzt – sondern
durch die Ausführungsmodalitäten: andere Verkaufsstrukturen, höhere
Preise, um das Risiko abzugleichen etc. Das
Gesundheitssystem sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass die
Illegalität für die NutzerInnen diverse Gefährdungen mit sich bringt,
die nicht allein mit der konsumierten Substanz zu erklären sind: die
Infektion mit HIV- oder Hepatitis-Viren durch den Spritzentausch; die Schädigungen
durch die Strecksubstanzen und den Zusatzkonsum von legalen Suchtmitteln
wie Alkohol oder Schlaftabletten; die gesundheitlichen Beeinträchtigungen
durch ungenügende Nahrung, zu wenig Schlaf, fehlende soziale Kontakte
etc. Die
Organisationen der Wissenschaft versuchen wiederum – in der Regel im
Auftrag anderer Systeme – herauszufinden, wie diese Auswirkungen im
Detail aussehen.
… unterschiedliche Forderungen
Viele
andere gesellschaftliche Systeme und Untersysteme sind ebenfalls von einem
solchen Entscheid aus dem politischen System betroffen: das
Sozialhilfesystem mehr als jenes der Religion; das Erziehungs- und
Bildungssystem mehr als jenes der Kunst. Alle
diese Systeme behandeln die Information «Drogen sind illegal» nach ihren
eigenen Strukturen, und alle nehmen wahr, wie die anderen Systeme
reagieren: Die Schule wehrt sich gegen den Deal auf dem Pausenhof; die
Vorsteherin der Gesundheitsdirektion eines Kantons beschwert sich bei
ihrem Kollegen vom Polizeidepartement, weil dieser die Verteilung von
sauberen Spritzen unterbinden lässt; Überlebenshilfe-Einrichtungen
verweisen auf wissenschaftliche Studien und verlangen mehr Subventionen
etc. Auf
diese Weise wird Kommunikation produziert – Kommunikation, die
ausreichend durch die Massenmedien verbreitet wird, sobald genügend
Dissens oder Unglück vorhanden ist, um die Aufmerksamkeit des Publikums
zu wecken. Damit steigt der Druck auf das politische und das Rechtssystem,
neue Entscheidungen zu treffen oder bestehende Gesetze anders auszulegen. Da
die Forderungen aus den unterschiedlichen Systemen sich nicht selten
widersprechen, können diese Entscheidungen und Vollzugsordnungen auch
widersprüchlich ausfallen. Die Organisation «Gefängnis» aus dem
Rechtssystem realisiert, dass auch die höchsten Mauern und die schärfsten
Kontrollen den wirtschaftlichen Mechanismus nicht daran hindern, die
bestehende Nachfrage im Gefängnis zu befriedigen. Also beugt sich die Gefängnisleitung
dem Druck der Gefängnisärztin und verfügt die Abgabe von sterilem
Spritzenmaterial. Und sicher findet sich ein Wissenschaftler, der diese
Praxis mit einem Gutachten legitmiert.
Paradoxien, die keine sind
Damit
entsteht eine Situation, die von Beobachtern gerne als paradox beschrieben
wird. Diese scheinbare Paradoxie entsteht, weil die Beobachter zwei
Entscheidungen einander gegenüber stellen, als wären diese untrennbar
miteinander verbunden – ungeachtet der Tatsache, dass diese
Entscheidungen in andern Kontexten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten
entstanden sind. Solche
Scheinparadoxien könnten in unserer komplexen Gesellschaft massenweise
konstruiert werden, doch nur selten werden sie als so bedeutend behandelt,
dass eine politische Diskussion entsteht. Bei den illegalen Drogen war und
ist das der Fall, und wenn man sich nicht für eine Seite engagieren will,
so ist es oft lohnenswert, sich die Mühe zu nehmen und die Beobachter zu
beobachten, welche die Paradoxien konstruieren und zum politischen Thema
machen. In der Regel wird relativ schnell klar, welche Interessen hinter
diesen Konstruktionen stehen: Der Gassenarbeiter findet die Konfiszierung
von Spritzenmaterial paradox, weil er seine KlientInnen schützen will;
die rechtslastige Politikerin ärgert sich über die Spritzenabgabe, weil
diese dem Gesetz der Illegalität der Drogen zuwider laufe und weil ihr
die «Drögeler» schon lange ein Dorn im Auge sind.
Prävention im Casino: Engagement für den «Feind» …
Damit
kommen wir zu unserem Beispiel, der Prävention im Spielcasino. Durch die
Verantwortlichen der Präventionsstelle wurde eine solche Scheinparadoxie
konstruiert, wie ich sie oben zu skizzieren versuchte. Wenn wir den
Interessen auf den Grund kommen wollen, die diesem Vorgehen zu Grunde lag,
so sind wir auf Mutmassungen angewiesen. Eine Möglichkeit ist, dass es
die Stelle es nicht mit ihren Werten vereinbaren konnte, direkt durch die
Casino-Betreiber bezahlt zu werden, die ihr Geld ja unter anderem mit
Spielsüchtigen verdienen. Diese
Begründung erinnert an Vorwürfe, der sich die betriebliche Sozialarbeit
durch KollegInnen aus andern Sozialarbeitsbereichen lange ausgesetzt sah:
«Wie kann man sich als gesellschaftskritische Sozialarbeiterin für
ausbeuterische Unternehmen wie Nestlé oder die Bankgesellschaft
engagieren und damit die Ausbeutung der arbeitenden, besitzlosen Massen
legitimieren?»; so oder ähnlich lauteten die Fragen, die sich die
betreffenden SozialarbeiterInnen von ihren aufrechten KollegInnen immer
wieder anhören mussten. In
den letzten Jahren haben sich solche wertgeleiteten, von politischen
Einstellungen4 beeinflussten Arbeitshaltungen in der
Sozialarbeit eher verringert. Meine These ist, dass die Funktion der
Sozialarbeit, zu der ich die Präventionsarbeit zählen will, weniger in
einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu
suchen ist, als darin, negative Auswirkungen dieser Strukturen beseitigen
zu helfen5. Damit kommt ihr deutlich eine systemstabilisierende
Wirkung zu.
… sinnvolle Verpflichtung …
Auch
wenn sich die Selbstbeschreibung der Sozialarbeit verändert hat, auch
wenn sie weniger wertend geworden ist: Bei der Aufgabe, (Spielsucht-)Prävention
in einem Spielcasino zu leisten, wird deutlich, wie schwierig es ist,
nicht auf die Verurteilung der «bösen», Sucht verursachenden
Casino-Betreiber einzuschwenken. Es
wäre das Gleiche, wenn man im Auftrag und mit den Geldern eines
Zigarettenkonzerns Tabakprävention machen müsste. Doch auch in diesem
Fall kann man sich fragen: Macht es wirklich einen so grossen Unterschied,
ob die Gelder aus einem staatlichen Fonds stammen, der mit Beiträgen aus
der Tabaksteuer gespeist wird oder ob der Konzern die Präventionsarbeit
direkt finanziert? Im
Fall der Spielcasinos sieht die neue Gesetzgebung – zum ersten Mal überhaupt
– diese Nähe zwischen Unternehmen und Prävention vor. Zum ersten Mal
werden Unternehmen, die süchtig machende Produkte oder wie in diesem
Fall: Dienstleistungen anbieten, dazu angehalten, sich aktiv an der Präventionsarbeit
zu beteiligen. Das scheint sinnvoll – nicht zuletzt, weil die Präventionsarbeit
in diesem Fall (und anders als bei den Tabakkonzernen) in den Räumlichkeiten
der Casinos selbst geleistet wird.
… oder nutzloses Nullsummenspiel?
Eine
andere mögliche Begründung gegen das Engagement von Präventionsfachleuten
in einem Spielcasino ist jene der Nutzlosigkeit der präventiven Bemühungen.
Vielleicht sah die angefragte Fachstelle keinen Sinn darin, an einem Ort
zu wirken, der explizit darauf ausgerichtet ist, die eigenen Bemühungen
zu untergraben. Auf
den zweiten Blick scheint auch dieses Argument eher wertgeleitet als
durchdacht7. Prävention im Spielcasino, das ist Sekundärprävention
in reiner Form. Auch wenn es andere Orte gibt, wo Spielsucht sich
manifestiert, so scheinen die Casinos ein idealer Ort, um diese
Risikogruppe zu erreichen. Dazu kommt, dass diese Einrichtungen in der
Schweiz zumindest in dieser Form neu sind, dass sich also noch keine
Strukturen etabliert haben, die mühsam verändert werden müssen. Vielleicht
gelingt es wirklich, das Casinopersonal in einer Weise als MediatorInnen für
präventive Botschaften einzusetzen, die den Casinobetrieb nicht
behindert. Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich problematisch –
weil vollkommen ungewohnt – wäre, wenn die Barfrau einem Kunden mit
offensichtlichen Alkoholproblemen diskret das Kärtchen der lokalen
Suchtberatungsstelle über die Theke schieben würde. Aber vielleicht ist
die Präventionsarbeit in den Casinos auch ein geeigneter Testlauf für
solche Präventionsformen in anderen Bereichen.
Prävention als Organisationsberatung
Dabei
darf etwas nicht vergessen werden: Suchtprävention im Casino ist in
erster Linie Organisationsberatung und erst in zweiter Linie Früherfassung
von KundInnen, die spielsüchtig sind oder es zu werden drohen. Die
Erfahrungen im Projekt Schulteam8 haben gezeigt, welche
Hauptparameter9 in einem solchen Projekt zu beachten sind:
Zwischen
dem Projekt Schulteam und der Präventionsarbeit im Casino gibt es jedoch
einen gewichtigen Unterschied – die Ausgangslage: Während die Schulen
freiwillig am Projekt Schulteam teilnahmen, werden die Casinos per Gesetz
gezwungen, sich in der Präventionsarbeit zu engagieren. Diese Tatsache
gilt es vor allem langfristig im Auge zu behalten, dann nämlich, wenn der
anfängliche Elan geschwunden ist und sich Casino-Betreiber und
MitarbeiterInnen mit Alltagsproblemen konfrontiert sehen. In
solchen Situationen wird sich erweisen, ob es dem Casino-Team und
beratenden Präventionsfachleuten gelungen ist, im Unternehmen Spielcasino
Strukturen zu etablieren, die mehr bewirken als eine reine Alibi-Übung.
Schlussbemerkungen
Das
ist ein hoher Anspruch, der nur mit optimaler Kooperation zu erfüllen
sein wird: Die Casino-Leitung und die MitarbeiterInnen müssen bereit
sein, sich auf die Inhalte der Weiterbildungen und die Ratschläge der
BeraterInnen einzulassen und sie in ihr eigenes Denken und Handeln zu
integrieren. Die Präventionsfachleute auf der andern Seite dürfen nie
ausser Acht lassen, dass sie mit einem Unternehmen zusammen arbeiten,
welches in einem harten wirtschaftlichen Wettbewerb steht und dessen
MitarbeiterInnen eine stressbelastete Tätigkeit verrichten. Neben
diesen Schwierigkeiten im Rahmen der vorbereitenden Organisationsberatung
wird auch das Umfeld der praktischen Präventionsarbeit nicht immer
einfach sein: Die KundInnen müssen an einem Ort für Gefährdungen
sensibilisiert werden, den sie – zumindest aus eigener Sicht – zum
Vergnügen besuchen. Dazu kommt, dass das Casinopersonal in der Regel
nicht wie die Lehrkräfte bei «Schulteam» auf eine pädagogisch-didaktische
Grundausbildung zurückgreifen kann. Trotz oder – vielleicht besser – wegen dieser zu erwartenden Schwierigkeiten bin ich der Ansicht, dass Prävention im Casino aus fachlicher Sicht durchaus sinnvoll und für die Präventionsfachstellen eine interessante Herausforderung sein kann. Zudem glaube ich, dass sich die Prävention als Teilbereich der Sozialarbeit gar nicht leisten kann, solche gesetzlichen Aufträge einfach auszuschlagen. Anders als früher bezieht sie ihre Motivation nicht mehr aus der Nächstenliebe und Wohltätigkeit10, sondern aus einem politischen Auftrag. Wenn die Präventionsfachleute dies einsehen – darauf deutet, wie oben gezeigt, einiges hin – und sich für die neue Aufgabe begeistern können, dann werden sie es nicht mehr nötig haben, Paradoxien zu konstruieren, um ihr Nicht-Handeln zu legitimieren.
Literatur
1 Baraldi et. al. (1997: 131) 2 Wenn der Satz nämlich falsch wäre, dann wäre er richtig, und wenn er richtig wäre, dann wäre er falsch. 3 Es gibt zahlreiche systemtheoretische Ansätze, die sich mehr oder weniger stark unterscheiden. Ich stütze mich hier auf den Ansatz des deutschen Soziologen Niklas Luhmann. Die Systemtheorie Luhmanns gilt als die zur Zeit umfassendste Gesellschaftstheorie überhaupt. 4 Die Unterscheidung von «guten», da ausgebeuteten Menschen und den «schlechten» kapitalistischen Ausbeutern fusst weitgehend auf der Klassentheorie von Karl Marx und der teilweise daran anschliessenden kritischen ‹Frankfurter Schule› von Adorno, Horkheimer, Marcuse und anderen. Dieser soziologische Ansatz hatte seine Blüte in der Zeit nach der 68er-Bewegung. Er ging davon aus, dass sich die Soziologie nicht auf eine kühle Analyse der Gesellschaft beschränken solle, sondern konkrete Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu leisten habe. 5 vgl. dazu Hafen (1998) 6 Dies würde eine oft geäusserte Vermutung unterstreichen: dass in der gesellschaftlichen Entwicklung dem Wirtschaftssystem eine führende Rolle zukommt und nicht etwa der Politik. 7 Natürlich kann man die Wirksamkeit von Prävention generell in Frage stellen; die Forschungslage ist in diesem Bereich der Sozialen Arbeit wirklich mehr als dürftig. Bei einer Präventionsstelle ist aber kaum davon auszugehen, dass die Wirkung der Prävention und damit der eigenen Arbeit grundsätzlich bezweifelt wird. 8 Das Projekt Schulteam ist ein Produkt der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern HSA, Zentralstrasse 18, Postfach, 6002 Luzern, TEL. 041 228 48 48, FAX 041 228 48 49, «http://www.hsa.fhz.ch» http://www.hsa.fhz.ch. Ausführliche Informationen zu diesem Projekt finden sich in der Spezialnummer zu Schulteam, SuchtMagazin 6/99 9 Müller (1999: 13) 10 vgl. dazu Hafen (1998: 5f.) |