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Fachzeitschrift Prävention&Prophylaxe 4/00 |
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Systemische
Prävention – Grundlagen für eine Theorie präventiver Massnahmen
Die
theoretische Fundierung von präventiven Massnahmen ist in der Regel dürftig.
Wenn sich Projekte überhaupt theoretischer Grundlagen bedienen, so
stammen diese aus der (Sozial-)Psychologie und genügen der Komplexität
des Anwendungsfeldes nicht. Im
Folgenden soll anhand der Systemtheorie nach Niklas Luhmann versucht
werden, einige Grundlagen für eine Präventionstheorie aufzuzeichnen.
Martin Hafen
Zumindest
im deutschsprachigen Europa ist „Prävention“ ein populärer Begriff.
Gerade aus dem Mund von PolitikerInnen ertönt immer wieder der Ruf nach
Prävention – nach vorzeitiger Verhinderung gesellschaftlich unerwünschter
Verhaltensweisen und Zustände. In keinem Verhältnis zu diesen
Forderungen steht die konkrete politische Unterstützung für präventive
Massnahmen: Prävention ist in der Regel auf private Initiative
angewiesen; eine kohärente Planung präventiver Aktivitäten liegt in
weiter Ferne, und eine einheitliche gesetzliche Grundlage ist Utopie.
Erst
im Ansatz Profession ...
Die
bisweilen unkoordiniert, um nicht zu sagen: chaotisch wirkende Vielfalt
von Aktivitäten, die sich als „Prävention“ beschreiben, hat ihre
Begründung jedoch nicht nur in der fehlenden politischen Unterstützung
und den mangelnden gesetzlichen Grundlagen. Die
Prävention ist eine relativ junge Disziplin: Obwohl präventive Bemühungen
bereits für die Zeit der griechischen Antike dokumentiert sind, hat sich
die „moderne“ Prävention erst seit den 70er-Jahren in grösserem
Rahmen entwickelt – zuerst als Suchtprävention und dann auch für
andere durch die Gesellschaft problematisierte Phänomene. Diese relative kurze Geschichte der Prävention ist ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Prävention erst allmählich als Profession zu etablieren beginnt. In der Regel werden Präventionsprojekte von Fachkräften durchgeführt, die ein spezifisches Interesse an Prävention in ihrem Wirkungsbereich haben: Sozialarbeitende, JugendarbeiterInnen, Lehrerkräfte, SportleiterInnen etc. Damit ergibt sich eine Vielfalt von Ausbildungen, welche die Prävention prägen, aber nur wenig zusammenhängendes, gegenseitig abgestimmtes Wissen, von welchem die Prävention als Profession profitieren könnte.
...
und wissenschaftliche Disziplin
Ihre
kurze Geschichte spiegelt sich auch im Status wider, den die Prävention
in der Wissenschaft hat. Das “European Monitoring Centre for Drugs and
Drug Addiction” (1998: 7) stellt für Europa fest, dass sich die
zunehmende gesellschaftliche Bedeutung der Prävention zwar in einer
Vielfalt an Projekten niederschlage, jedoch nur sehr wenige der präventiven
Aktivitäten auf ihre Wirkung untersucht würden. Diesem
Defizit in der empirischen Erforschung von Präventionswirkung steht ein
Mangel an Theoriebildung gegenüber, der angesichts der
gesellschaftsweiten Bedeutung der Prävention erstaunlich ist: Die
Beschriebe selbst grosser Präventionsprojekte gehen kaum auf die
verwendeten theoretischen Grundlagen ein und eine Literatursuche unter dem
Stichwort „Präventionstheorie“ bleibt weitgehend ergebnislos. Wenn Präventionsprojekte
sich explizit auf theoretische Grundlagen abstützen, so sind das in der
Regel entwicklungs- oder sozialpsychologische Ansätze. Diese Ansätze
verfügen insofern über eine relativ beschränkte Reichweite, als sie
sich mehrheitlich auf das Individuum und bisweilen noch auf dessen engstes
soziales Umfeld beziehen und andere Faktoren ausser Acht lassen.
Die
Komplexität des Beobachtungsbereiches
Aus
den Erfahrungen von 30 Jahren Präventionsarbeit lässt sich der Schluss
ziehen, dass individuumszentrierte Ansätze zur Beschreibung und Durchführung
von Prävention nicht ausreichen. Präventive Aktivitäten spiegeln die
gesellschaftliche Vielfalt in vollem Umfang: Ihre Durchführung geschieht
vor dem Hintergrund massenmedial vermittelter Problemlagen; sie richten
sich an Organisationen, Familien oder einzelne Menschen; sie beanspruchen
Finanzen und werden von PolitikerInnen im Wahlkampf thematisiert. Kurz: Prävention
ist ein Phänomen, welches die gesellschaftliche Komplexität repräsentiert.
Um sie zu erfassen, reichen psychologische Theorien nicht aus; es braucht
dazu eine umfassende Gesellschaftstheorie, die in der Lage ist, auch
psychische Aspekte menschlichen Lebens zu behandeln.
Systemtheorie
als theoretische Grundlage
Die
Theorie, welche diesen Anforderungen zur Zeit wohl am ehesten gerecht
wird, ist die Systemtheorie, die der 1998 verstorbene deutsche Soziologe
Niklas Luhmann massgeblich geprägt hat. Bei seiner Antrittsrede an der
neu gegründeten Reformuniversität in Bielefeld im Jahre 1967 tat Luhmann
seine Absicht kund, eine umfassende Gesellschaftstheorie zu erarbeiten –
eine Theorie, mit welcher sich nicht nur Ausschnitte gesellschaftlichen
Lebens beobachten liessen, sondern die Gesellschaft als Ganze, mit ihrer
biologischen und psychischen Umwelt. Bei seinem Tod, gut 30 Jahre später, hinterliess er ein Werk epischen Ausmasses: Dutzende von Monographien und Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln. Dass sein wissenschaftliches Schaffen nicht ohne Echo geblieben ist, zeigt die grosse Zahl von Disziplinen, in welchen der systemische Ansatz Luhmanns rezipiert wird: Soziale Arbeit, Psychotherapie und Organisationsberatung sind darunter die drei Anwendungsgebiete, die der Prävention am nächsten stehen.
Ein
interdisziplinärer Ansatz
Selbstverständlich
hat sich Luhmann bei seiner Theorieentwicklung auf zahlreiche andere
Theorieschaffende gestützt. Sein spezieller Verdienst ist, dass er Ansätze
aus den unterschiedlichsten Disziplinen – Psychologie, Soziologie,
Kybernetik, Mathematik, Biochemie sind nur einige davon – zu einer in
sich geschlossenen Theorie von beachtlicher Eigenkomplexität zusammenfügen
konnte. Damit hat Luhmann ein Instrumentarium geschaffen, welches es
erlaubt, auch relativ komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu
beschreiben, ohne auf mehrere Ansätze zurück greifen zu müssen, die
miteinander nicht in jeder Hinsicht vereinbar sind.
Soziale
und psychische Systeme
Eine
der wichtigsten – und meist diskutierten – Unterschiede der
Luhmannschen Systemtheorie zu andern Ansätzen ist, dass sie „den
Menschen“ für eine präzisere Beschreibung der Welt von den sozialen
Systemen trennt. Ein Mensch besteht aus einer Unmenge von biochemischen
und psychischen Prozessen; er hat einen Körper und ein Bewusstsein.
Beides kommt in der Kommunikation, der Operationsform sozialer Systeme nur
sehr beschränkt zum Tragen: Während sich die Kommunikation auf einzelne
Sätze beschränken muss, die sich im zeitlichen Nacheinander ablösen,
tanzen die Wahrnehmungen und Gedanken im menschlichen Bewusstsein mehr
oder weniger wild durcheinander. Die
Kommunikation ist wie sie ist. Man kann sie mit dem Tonband aufnehmen und
immer wieder abspielen; was aber mit dem Gesagte beabsichtigt war und aus
dem aus dem Gehörten gemacht wird, das hängt alleine von jeweiligen
Bewusstsein ab.
Offen,
aber autonom
An
jeder Kommunikation sind also immer mindestens zwei Bewusstseinssysteme
beteiligt. Weil ein Bewusstsein nicht ins jeweilig andere Bewusstsein
hineinsehen oder –denken kann, entwickelt die Kommunikation eine eigentümliche
Eigendynamik. Bisweilen hat man das Gefühl, man könne das Gespräch
steuern, dann wiederum läuft es einfach „aus dem Ruder“ – welche Pädagogin,
welcher Berater kennt dieses Gefühl nicht. Luhmanns
These ist, dass sich soziale und psychische Systeme zwar in einem Zustand
zeitweiliger Kopplung befinden, dass sie aber nicht wechselseitig
aufeinander Zugriff nehmen können. Weder kann die Kommunikation in ein
Bewusstsein hineinkommunizieren, noch gelingt es einem Bewusstsein, in die
Kommunikation hineinzudenken. Beide Systemtypen operieren für sich –
und doch sind sie gegenseitig aufeinander angewiesen. Luhmann bezeichnet
diesen Zustand als operative Geschlossenheit: Einerseits sind die Systeme
geschlossen, arbeiten nach eigenen Prinzipien, aufgrund eigener
Strukturen; andererseits sind sie auf die Informationen aus ihrer Umwelt
angewiesen. Bewusstsein könnte sich ohne Kommunikation nicht entwickeln
und Kommunikation würde ohne Bewusstsein nicht existieren.
Eigene
Realität
Die
Annahme, dass soziale und psychische Systeme operativ geschlossen sind,
bedingt, dass auf die Vorstellung verzichtet wird, man könne kausal,
quasi 1:1 auf ein anderes System einwirken. Gerade in der Prävention
zeigt sich das immer wieder, denn wenn solche direkten Eingriffe möglich
wären, dann hätte die Prävention bald keine Probleme mehr zu
verhindern. Versteht man Prävention jedoch lediglich als Versuch,
psychische oder soziale Systeme (wie etwa eine Organisation) in einer
bestimmten Weise zu beeinflussen, dann wird schnell deutlich, dass Erfolg
möglich, aber nicht vorprogrammierbar ist. Die
Annahme operativer Geschlossenheit bedingt weiter, dass auf die
Vorstellung verzichtet wird, es gäbe so etwas wie eine allgemein gültige
Sicht der Welt. Jedes System – sei es nun psychisch oder sozial –
sieht die Welt so, wie es sie sieht. Alle Informationen, also auch
diejenigen der Prävention, treffen auf bestehende Strukturen und werden
durch verarbeitet. Wie ein einzelnes System strukturiert ist, das ist
bedingt durch die lebenslange Sozialisation, einschliesslich alle
Erziehungsversuche.
Die
beiden Ebenen des psychischen Systems
Auf
diese Weise entwickelt jedes psychische System ein Geflecht von
Strukturen, welches bei jedem Gedanken, bei jeder Wahrnehmung neu
aktualisiert wird. Entscheidend ist dabei, dass die Strukturen in ihrer
Latenz (also wenn sie nicht „gebraucht“ werden) und in ihrer
Aktualisierung dem Bewusstsein in der Regel nicht bewusst sind, sondern
automatisch aktiviert werden. Wir müssen nicht bei jedem Schritt überlegen,
in welchem Winkel der Fuss nach vorne geführt werden muss; wir haben es
gelernt – genau so, wie wir gelernt haben, Wörter zu Sätzen
zusammenzufügen, die für andere verständlich sind. Das
psychische System arbeitet also bildlich gesprochen auf zwei Ebenen –
einer unbewussten, auf welcher laufend die Reize aus dem Gehirn
wahrgenommen werden, und einer bewussten, welche aus diesen Wahrnehmungen
Gedanken formt. Nach Fuchs (1999: 60) kann man bei der ersten Ebene vom
„Sehen“, „Hören“, „Fühlen“ sprechen, während die zweite
Ebene das repräsentiert, was gesehen, gehört oder gefühlt wird.
Schwierige
Verhältnisse
Dieses
2-Ebenen-Modell des psychischen Systems legt nun nahe, dass das
Bewusstsein selbst nicht uneingeschränkt „sehen“ kann, wie es
operiert. Das zeigt sich daran, dass unsere Eigenwahrnehmung, das Bild das
wir von uns selbst haben, immer ändern kann. Zwar ist dieses Selbstbild
relativ stabil, doch in bestimmten Entwicklungsphasen (z.B. Pubertät,
Midlife-Crisis) oder bei traumatischen Erlebnissen kann es sich bedeutend
und langfristig ändern. Für
die Prävention heisst das, dass sie auf höchst unsichere Verhältnisse
trifft. Zuerst muss sie sich um Aufmerksamkeit bemühen, was angesichts
anderer Attraktoren (wie etwa der Werbung) kein leichtes Unterfangen ist.
Dann muss sie damit rechnen, dass ihre Botschaften abgelehnt werden, zum
Beispiel wenn sich pubertierende Jugendliche von den Personen abgrenzen
wollen, welche die Botschaft vermitteln. Schliesslich kann eine präventive
Botschaft wahrgenommen und akzeptiert werden und doch nicht zum gewünschten
Verhalten führen, da andere (etwa in der frühen Kindheit angelegte
Strukturen) ein anderes Verhalten nahe legen.
Schlussfolgerungen
Angesichts
dieser hoch komplexen und undurchsichtigen Verhältnisse tut Prävention
gut daran, Bescheidenheit in Bezug auf die eigenen Interventionsmöglichkeit
walten zu lassen. Strukturveränderungen können sowohl bei Menschen als
auch bei sozialen Systemen nicht von aussen aufgezwungen, sondern nur
durch diese Systeme selbst realisiert werden. Immerhin können aus
theoretischer Sicht einige Grundsätze formuliert werden, welche die
Chance erhöhen, dass die Strukturänderungen im Sinne der Prävention
erfolgen:
Zusammen
mit einer Verbesserung der Präventionsforschung und Bemühungen, um eine
fundierte Theoriebildung können diese Grundsätze zur
Professionalisierung der Präventionsarbeit beitragen und die Effizienz
der präventiven Massnahmen verbessern helfen. Vielleicht motiviert eine
solche Professionalisierung die PolitikerInnen, ihren medienwirksamen
Forderungen nach mehr Prävention auch Taten in der Form von Unterstützung
folgen zu lassen.
Zitierte
Literatur und ausgewählte Bücher zur Vertiefung
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