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Das psychische System und die Funktion des Bewußtseins

 

Peter Fuchs

„Consciousness is a word worn smooth by a million tongues.“

 George Miller

 

„Die Worte sind noch mehr Teil unserer selbst als die Nerven.

Wir kennen unser Gehirn ausschließlich vom Hörensagen.“

Paul Valery

 

Diejenige Systemtheorie, die in Ermangelung eines besseren Ausdrucks die der Bielefelder Schule heißen könnte, befaßt sich mit sozialen Systemen.[1] Eben deshalb kann man sie eine soziologische Systemtheorie nennen und sie als Filiale einer allgemeinen Theorie des Systems begreifen.[2] Das wäre auch der Leisten, bei dem sie bleiben könnte, wenn es nicht einen theorie-immanenten Zwang zur Überschreitung dieser Beschränkung gäbe. Das deutlichste Symptom dafür ist, daß diese Theorie spätestens seit ihrer beobachtungs- und differenztheoretischen Wende offenbar nicht auf den Einbezug personaler oder psychischer Systeme, wie man anfangs, bewußter Systeme, wie man später sagt, verzichten konnte.[3]

Der Grund dafür ist nicht, daß Psychen, Bewußtseine, Subjekte, Individuen oder sonst irgendwelche Leute sich sozusagen hinterrücks in die Analyse sozialer Systeme, die der Theorie als bewußtseinsfrei gelten, hineingeschmuggelt hätten. Es gibt in dieser Hinsicht keinerlei Grund zur Entwarnung, keinerlei Grund zum nostalgischen Frohlocken. Das bewegende Moment jener Entwicklung ist vielmehr, daß die Theorie sich von einer fundamentalen Differenz her aufspannt, der System/Umwelt-Differenz, die am schärfsten und ungeheuerlich provokant in der These ausgedrückt ist: Die Einheit des Systems sei diese Differenz, oder noch radikaler: Das System ist die Differenz.

Das ist ein mysteriöser Satz für klassische Beobachter, die gewohnt sind, Dinge zu identifizieren, und wenn nicht Dinge, so doch umgrenzte, eingegrenzte Einheiten.[4] Daß etwas (ETWAS) Differenz sei (SEI), ist unerhört, wenn die Differenz den Namen der einen Seite ihrer selbst trägt (System), so daß der Gedanke eines Plenums, einer gebändigten Fülle, einer Ganz- und Gesamtheit sich wie von selbst logisch verbietet. Das System als Differenz, das bedeutet, daß kein System vollständig ist, sich an keiner Stelle als totum begegnet. Es ist, von seiner Unterscheidung her gesehen, Fragment, man ist versucht zu sagen: in einem romantischen, zur Gänze unaufrundbaren Sinne.[5]

Schlimmer noch: Der Unterschied, den (der?) das System macht, ist nicht ohne einen Beobachter zu denken, der das System markiert. Das System springt durch Beobachtung (durch die Anwendung eben jener Ur-Unterscheidung) erst in seine Form, also in seine Differenz, und nur mittels eines kleinen logischen Saltos kann noch behauptet werden, daß es als Differenz (man weiß nicht, wie) existiert, einfach deshalb, weil der Beobachter nicht umhin kommt, die Unterscheidung des Systems auf sich selbst anzuwenden, sich selbst als System (mithin als Fragment) zu begreifen.[6] Das hier einschlägige berühmte „Esse est percipi.“ wird dabei umgedeutet in ein: „Esse est observari.“ – Sein ist nicht nur an Wahrnehmung gebunden. Es ist: Beobachtet-werden.[7] Und niemand weiß (kann beobachten), wie es ist, unbeobachtet zu sein.[8] Das Unbeobachtete verdient nicht seine verbal-substantivische Form. Es ist in Unzuständen.[9]

Dies alles führt in abenteuerliche Komplikationen.[10] Aber es genügt, diese Komplexionen zu bezeichnen, um zu sehen, daß die Theorie sozialer Systeme entweder nur möglich ist als eine große Ausblendungsleistung (das wäre schlechte Theorie) oder als eine theoretische Leistung fortwährender Oszillation zwischen den Seiten der Differenz, die das System bezeichnet.[11] Wenn man sagt, daß die System/Umwelt-Differenz, prozessual genommen, konditionierte Koproduktion sei[12], ein Zugleich der Bewirkung von Effekten, das sich nicht auflösen läßt im Zugleich, dann verbleibt als Strategie nur noch die entzerrende Inanspruchnahme von Zeit: erst dies, dann das – und mit dieser Strategie das immer mitgeführte Memento, daß durch diesen (strategischen) Zeitgebrauch an jeder Stelle des Gebrauchs Sinnverluste anfallen in schicksalshafter Unausweichbarkeit.

Daraus folgt (wenn man jenes Oszillieren als Lösung des Dilemmas der Einheit der Zweiheit auffaßt), daß die Theorie sozialer Systeme nicht nur Aussagen über psychische Systeme (die unbestritten als relevante Umwelt sozialer Systeme gelten) erzeugen kann, sondern erzeugen muß. Sie würde sonst (und mir scheint, das geschieht nicht selten) in die Quasi-Ontologie der Raummetapher getrieben: Hier ist das soziale System, und wir schauen uns dieses Ding, dieses circumskripte, isolierbare Objekt erst einmal an.[13]

Die Figur des Systems als Differenz läßt aber circumskripte Einheiten (das Sozialsystem, das psychische System) nicht zu. Das Eine und das Andere ist in der Differenz zusammengeschweißt, ist die EINS, die der Beobachter zeittechnisch ver-zweit.[14] Wenn Theorien sich etwas erträumen könnten, dann wäre dies die Sicht auf die EINS der ZWEI, auf das Zugleich des durch sie Unterschiedenen. Sie würden sich nach Ent-Zweiung sehnen.

Aber da Theorien nicht zum Träumen befähigt sind, sind die folgenden Überlegungen traumfrei, also notgedrungen fragmentarisch gearbeitet. Vielleicht kann man sagen, daß sie hälftig operieren, so als mache es wirklich Sinn zu sagen, es gebe psychische und soziale Systeme, und nicht: es gebe sie nur als Differenz. Damit ist ausgemacht, daß der Text im weiteren sich serpentinenförmig dahinzieht und dennoch nur als Ellipse verstanden werden kann. Aber das ist klar, wenn man über Systeme, bei Licht besehn, immer nur elliptisch sprechen kann.

 

I

Was vor allem auffällt, ist, daß die Theorie, die wir mit einer gewissen Nonchalance die der Bielefelder Schule genannt haben, sich nicht ganz schlüssig darüber ist, worauf sie eigentlich referiert, wenn sie die relevante Umwelt sozialer Systeme in den Blick nimmt. Sie hat sich nicht endgültig entschieden, ob sie diese Umwelt als psychische Umwelt mit dem Terminus des psychischen Systems belegen soll, mit dem des Bewußtseins oder gar mit dem des personalen Systems. Beobachtbar und bemerkenswert ist, daß Niklas Luhmann im Laufe seiner Arbeit an der Theorie mehr und mehr das Bewußtsein als genuines Pendant sozialer Systeme auffaßte, ein Umstand, der auch mit seiner tiefen Verankerung in den klassischen Bewußtseinsphilosophien zu tun hat.

Eine systematische Ursache dafür ist aber, daß der Begriff des Psychischen mit Unschärfen der verschiedensten Art aufwarten kann, vor allem mit Grenzunschärfen, die es sehr schwer machen, originär Psychisches vom Somatischen zu unterscheiden, also irgendein Material oder ein Medium zu finden, durch das Psychisches tiefenscharf bezeichnet wäre. Die Psyche hat zuviel Kontakte zu Vorstellungen des Fluidalen, Ätherischen, Formlosen, als daß sie sich ohne Verrenkungen ‚systemisieren‘ ließe, wenn (wie es in der hier verhandelten Theorie üblich ist) Klarheit über Grenzen herrschen muß, sobald man über Systeme reden will. Die bislang bedeutsamste, weil folgenreichste Theorie des Psychischen (also Freuds Theorie) ist dann auch eine Theorie von Unschärfe-Übergängen zwischen psychischen Instanzen oder Territorien, von energetischen, somatischen, psychischen und (wenn man den Ödipus oder die Urphantasien einbezieht) sozialen Trajekten, und so ist es vermutlich kein Zufall, daß Freud den Begriff des Systems nicht sehr schätzte, als es ihm um die Ausarbeitung des psychischen Instanzenzuges ging.[15]

Der Ausdruck psychisches System wird jedenfalls in der Systemtheorie eher rhetorisch als systematisch verwendet. Mit ihm wird die generell turbulente, irgendwie zu psychischen Operationen befähigte Umwelt sozialer Systeme plakatiert. Sobald es und je mehr es um eine Beschreibung dieser Umwelt geht, wird die Terminologie umgelagert auf Bewußtsein, weil, so scheint es, dieser Begriff weitaus eindeutigere Anhaltspunkte bietet, ein System zu modellieren, das (wie es das Theorem der Autopoiesis fordert) über und mit distinkten Elementen arbeitet und dabei seine Grenze gegen eine Umwelt stabilisiert, in der es (als das jeweilige Bewußtsein) selbst nicht vorkommt. Das Bewußtsein läßt sich, allen einschlägigen Traditionen durchaus folgend, als geschlossenes System denken, als Monade, als Einheit von gleichen Einheiten (Elementen), als Isolat, das immer nur auf sich selbst reagiert und deshalb Umweltkontakte im Eigenen und nur im Eigenen erwirtschaftet.[16] Und da das Bewußtsein bewußt ist, kann man alles, was nicht bewußt beobachtet wird (auch wenn es in anderen Theorien als gleichwohl psychisch begriffen wird), erst einmal dahingestellt sein lassen.[17]

Das ist ein extrem asketisches Verfahren, aber tatsächlich wird in der Systemtheorie das Bewußtsein begriffen als geschlossenes (nur durch Schließung offenes), in sich zirkulierendes System, dessen elementare Einheiten Gedanken sind, die Gedanken beobachten, die Gedanken beobachten, also laufend Vorstellungen erzeugen im Modus der Autopoiesis, der unentwegten Reproduktion desselben Typs von ‚Material‘ aus demselben Typ von ‚Material‘ oder desselben Typs von Elementen aus demselben Typ von Elementen.[18] Dasselbe, das soll nicht bedeuten, daß alle Elemente denselben Sinn inszenieren, sondern nur, daß alle Elemente formidentisch sind, elementare Einheiten, die in jedem Moment Selbst- und Fremdreferenz des Systems miteinander kombinieren in dynamischer Stabilität.

Diese elementaren Einheiten sind ereignishaft konzipiert. Sie werden vorgestellt als passierendes Geschehen. Die Bedingung der Möglichkeit des Systems ist dieses Aufblitzen und Verschwinden, dies Vorübergehn, das vorübergeht. Die Operationen sind zeitklein, kennen keine Remanenz, haben keine Festhalte-Eigenschaften. Genau besehn, sind sie eigenschaftsfrei und haben nichts gemein mit der Idee sozusagen schnell bewegter Substanzen. In genauer Parallellage zur Theorie sozialer Systeme, in der Kommunikationen die Theoriestelle passierender Operationen vertreten, ist dieses Entstehen (Auftauchen) und Verschwinden der Elemente zentraler Ansatzpunkt für die Strategie der Verunwahrscheinlichung von Strukturen. Erst, wenn man sieht, daß die Autopoiesis hoch temporalisierte Ereignisse voraussetzt, erst dann wird es zum Rätsel, wie auf der Basis unentwegter Auflösung Strukturen entstehen, die die Kombinationsspielräume liefern, innerhalb derer jene Ereignisse Informationswert gewinnen können.

Wir wollen aber hier nicht diesen Gesichtspunkt thematisieren, sondern auf ein Problem aufmerksam machen, das mit dem Konzept der Ereignishaftigkeit selbst entsteht. Diese Komplikation tritt auf, wenn man weniger auf die (minimale) Eigenzeit der Ereignisse achtet, sondern auf den Zeitmodus ihrer autopoietischen Verkettung. Da die Ereignisse laufend abhanden kommen, müssen immer neue Ereignisse aufgeboten werden, die die abhandenen Ereignisse sinnförmig registrieren, um selbst im nächsten Moment abhanden zu kommen, angewiesen darauf, selbst sinnförmig (im genauen Sinne) reflektiert (projiziert) zu werden.

Oder anders: Die Identität jedes Ereignisses einer autopoietischen Sequenz hat keine Zeitstelle, keinen festen Zeitort, keine Verankerung im hic et nunc, sondern kommt erst zustande durch einen Nachtrag, durch ein weiteres Ereignis, das selbst wiederum keinen Ankerpunkt, keine Identität hat – außer durch dasselbe Verfahren. Die identitäre Aktualität wird in einem fort durchgeschoben, durchgereicht, nachgeschoben. Identität wird konstruiert durch die Differenz von Identität und Differenz, oder in weniger an Hegel angelehnten Formulierung: durch die Verschiebung, die Derrida différance genannt hat. Sogar die Fixierung des Ereignisses (seine Datierung) wird im Nachhinein ermittelt, und das in einer sozial konditionierten, hoch artifiziellen Chronometrie, jedenfalls dann, wenn man meint, es komme auf Genauigkeit an und nicht nur auf ein kürzlich, gestern, vorhin, gerade eben, in fernen Tagen.

Wenig gesehen wird, daß damit die Idee des Ereignisses, des ereignishaften Elements, der elementaren Einheit kollabiert. Aber wir kommen um die Dramatik dieser Feststellung nicht herum: Autopoietische Sinnsysteme, die sich der retrospektiven Sinnzeit bedienen, also différance-Systeme sind, lassen elementare Einheiten nur in einer Art von Verschmierung zu. Kein Ereignis ist ein Ereignis an seiner Zeitstelle. Jedes Ereignis ist nur Ereignis im Nachtrag. Die einfache (aber für klassische TND-Beobachter schreckliche) Konsequenz ist, daß es in Systemen dieser Art keine Singularitäten gibt. Auf Grammatik umgesetzt, bedeutet dies, daß die Rede vom Element im Singular eine recht fahrlässige Ballung ist, eine didaktisch/methodische Simplifikation. Ein Element kann niemals ein Element sein. Insofern fällt Zählbarkeit aus.[19]

Die Konsequenz dieser Konsequenz ist, daß – grammatisch und logisch – von Elementen auch nicht im Plural gesprochen werden kann. Was sich nicht aus zählbaren Einheiten zusammensetzt, ist auch nicht so aggregiert, daß es als Pluralität aufgefaßt werden könnte. Da dies ganz genauso für den Zeitmodus sozialer Systeme gilt, kann man formulieren, daß Sinnerzeugungsapparate sinn-verschmierende oder sinn-gleitende Systeme sind. Sie sind eher wolkig als distinkt, eher kompakt als ziseliert.[20] Es ist ein alter Topos, daß die Seele (das Proprium des Menschen) mit dem Meer oder dem Wind leichter zu vergleichen sei als mit allem, was man durch Wände, Gefäße, Gebäude, durch Abschlüsse und Grenzen, durch die Siglen der Eindeutigkeit darstellen könnte.

Aber was ist denn jetzt unversehens mit dem Bewußtsein passiert?

 

II

Das Bewußtsein als klare und helle Domäne, in der die Gedanken- und Vorstellungsfische sich tummeln, aufblitzen, verschwinden und ersetzt werden, als Kompendium digitaler Operationen, es hat sich verdunkelt.[21] Es beginnt einer Öllache zu gleichen, einer kompakten Hingegossenheit, in der sich nichts unterscheiden läßt.[22] Diese Verdunkelung tritt im Moment auf, in dem eine autopoietisch generierte Sinnzeit angenommen wird, für die gilt, daß sie niemals separierbare lokalisierte Elemente erzeugen könnte. Immer gesetzt, wir hätten es mit temporalisierten (différance-basierten) Systemen zu tun, ist ausgeschlossen, daß sich identitäre Einheiten ermitteln ließen, die in einer einfachen Sequenz geordnet werden könnten.[23]

Wenn man dennoch nicht abgehen will von der Imagination einer Einheit Bewußtsein (und sei es nur, weil eine nicht ignorable Tradition eine solche Einheit meistens angesetzt hat), bleibt kaum eine andere Wahl, als so etwas einzuführen wie eine dezidierte Operativität. Dieser Gedanke klingt fremdartig, ist aber nicht so abwegig, daß sich nicht in der Theorie sozialer Systeme eine theorietechnisch elegante Parallele fände. Auch hier kann die Gesellschaft als ein Meer, als ein unablässiges Fluten von Kommunikationen beschrieben werden, die sinnzeit-fundiert sind, so daß Einzelelemente (Singularitäten) so wenig ermittelbar sind wie ein ETWAS (die Gesellschaft), das sich aus solchen Elementen zusammenbaut und einfach nur eine Pluralität von Bausteinen voraussetzen würde. Weder Singular noch Plural machen, auf elementare Einheiten bezogen, Sinn, sofern wir von Sinn prozessierender Autopoiesis sprechen. Operationen, die in diesem Gewoge von Verschiebungen, von Sinnstreuungen, in diesem unablässigen Raunen und Schwatzen, unterschieden werden, müssen von Beobachtern dezidiert unterschieden werden.[24] Es muß ein eigener Beobachtungsmodus, eine eigene Spezifik der Verkettung eingeführt werden, damit etwa die funktionssystemtypische oder organisationstypische Kommunikation gegen andere Kommunikation profiliert werden kann. Dezidierte Operativität, das kann nichts anderes sein als an Spezifizierungs-, mithin Beobachtungsleistungen gekoppelte Operativität.

Aber bevor wir das schärfer stellen können, wollen wir zuerst eine ganz entscheidende Konsequenz ziehen. Wenn das Bewußtsein nicht einfach nur schiere, blinde Operativität ist, nicht nur eine Verschmierung, dann ist es eine Differenzierung-in-demselben. Es kann (gegenüber allen anders lautenden Behauptungen) nicht geführt werden als monistische Einheit, jenseits derer Psychisches nicht vorkommt. Es ist der Sonderfall dezidierter Operationsverkettungen (besonderer Formen) in einem Medium nicht-dezidierter Operationen. Oder, um es ganz deutlich zu sagen: Das psychische System ist nicht das Bewußtsein. Wir haben es mit Zweierlei-im-Selben zu tun, mit einer Differenz.

 

III

Ausgehend davon, daß sinnzeitbasierte Systeme sich intern differenzieren können, ferner davon, daß diese Differenzierung Spezifizierung (Dezidiertheit) bedeutet, läßt sich das psychische System vom Bewußtsein unterscheiden. Bewußtsein, das wäre der Zusammenhang dezidierter Beobachtungsoperationen (Bezeichnungsleistungen) in einem Kontext nicht-dezidierter Operationen. Die Theoriefigur, die hier typisch zum Einsatz kommt, ist die der Medium/Form-Unterscheidung.[25] Sie bezeichnet nicht die Eigenschaft von etwas in einem Gegenstandsbereich, Medium oder Form zu sein, sondern ist die Unterscheidung, die aktualisiert wird, wenn ein Beobachter Formen bezeichnet (dann fallen Medien an) oder Medien bezeichnet (dann fallen Formen an). Da aber jede Beobachtung Bezeichnungsleistung ist, ist die Form/Medium-Unterscheidung immer impliziert, wenn beobachtet wird: Sie ist universal. Sie kann, sofern beobachtet wird, nicht ausgeschlossen werden, und nur in diesem Sinne sagen wir, daß die Beobachtung des Bewußtseinssystems die Beobachtung (Bezeichnung) einer Form ist, die ohne ein Medium, in das sie sich einschreibt, nicht gedacht werden könnte.[26]

Dezidierte Operationen sind, wie wir festlegen wollen, Beobachtungen. Diese Operation (und wir wissen schon, daß sie im Singular nicht vorkommt) ist definiert als die Kombination oder Syndosis einer Bezeichnung mit einer Unterscheidung. In leichter Modifikation hier üblicher Formulierungen wollen wir sagen, daß Beobachtung die Bezeichnungsleistung ist, anhand derer passende (im situativen oder kontextuellen Register überzeugende) Unterscheidungen aktualisiert werden könnten, innerhalb derer die Markierung als vollzogene Selektion der einen oder anderen Seite einer möglichen (und auch anders möglichen) Unterscheidung erschiene.[27]

Die leichte Modifikation liegt in der Korrektur der geläufigen Vorstellung, daß die Markierung gleichsam einen Weltkorb verfügbarer Unterscheidungen voraussetze, also nichts wäre als ein Zugriff auf einen bereitgehaltenen Bestand, dem eine Unterscheidung entnommen würde, in der dann die eine oder andere Seite zur Auswahl käme. Verfährt man stattdessen sinnzeitlogisch, liegt auf der Hand, daß eine Markierung nur Markierung (mithin Selektion ist), wenn sie als Markierung beobachtet wird, wenn ihr sozusagen situierende, Sinn präzisierende Unterscheidungen angesonnen werden – durch Operationen, für die dasselbe gilt. Die Markierung ist nicht die Wahl von etwas aus dem Kanon des Seienden. Sie füllt, wenn man so sagen darf, ihre Zeitstelle vollständig aus, so daß sie sich nicht selbst an ihrer Zeitstelle von sich selbst unterscheiden kann. Die Markierung ist auch nicht die Selektion der einen (und damit die Selektion des Ausschlusses der anderen) Seite einer vorgängigen Unterscheidung; sie ist vielmehr (in Umkehrung der ordinären Zeit Heideggers) der Nachtrag, die Post-Projektion einer situierenden Unterscheidung. Und, horribile dictu: Dieser Nachtrag ist selbst nichts weiter als eine Markierung, die nur Selektion ist für weitere Markierungen. Die autopoietische Sinnzeit hat und kennt keine Wahl – außer im Nachgang von Nachgängen.

Das Besondere an Beobachtung ist (sonst wäre sie ebenfalls nur im Modus der Verschmierung zu haben), daß sie im unaufhörlichen Trudeln passierenden Sinns dezidiert markiert. In einer etwas anderen Formulierung: Beobachtungen sind immer explizite (entfaltete) Operationen, oder, um die Autopoiesis zu betonen, sie sind Katenationen von expliziten Operationen. Nur so macht die Rede von der Verkettung, von der Sequentialität einen Systems Sinn, das, traut man einschlägigen Forschungen, auf einem Unterbau paralleler Informationsverarbeitung (dem neuronalen System) arbeitet. Erst mit einer Explikation (einer expliziten Bezeichnung) kommen, genau besehn, Unterscheidungen ins Spiel, in dem zuvor nur Unterschiede prozessiert wurden; erst jetzt werden Unterschiede als Unterscheidungen so ausgemünzt, daß das System ‚selbst-griffig‘ wird.

Es dürfte heute, um ein sehr vorläufiges Beispiel zu machen, kaum noch strittig sein, daß alle humane Wahrnehmung nach dem Überwinden der Kleinstkindphase[28] durch und durch sinndurchflutet ist, ohne daß zugleich mitangenommen werden müßte, daß dieser Sinn an Bezeichnungen und Unterscheidungen hängt.[29] Nicht einmal Sprache ist erforderlich, um sich in einem Raum zu bewegen, ohne durch die Wände zu gehen, aus dem Fenster zu schauen, Häuser zu sehen, sich dann an den Schreibtisch zu setzen und die Pfeife zu stopfen. Dies alles funktioniert, obwohl es ersichtlich weder Räume noch Fenster, weder Häuser, Schreibtische noch Pfeifen gibt – jenseits von Sinnprojektionen. Keine Pfeife ist eine Pfeife, so könnte man Magritte reformulieren, es sei denn für jemanden, der sie sinngesättigt sieht. Die Kuh auf der Wiese ist weder für sich noch sub specie aeternitatis eine Kuh – außer für den, der im Schema Kuh wahrnimmt. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie es wäre sinnfrei wahrzunehmen, so wenig, wie es uns gelingt, sinnfreie Kommunikation zu imaginieren.[30] Das macht ja die von Luhmann oft beschworene Nicht-Negierbarkeit der Sinnform aus.

In unserem Beispiel ist Sinn in diese Wahrnehmung gleichsam eingefaltet, es ist fungierender (impliziter) Sinn, der keinerlei Bezeichnungsleistungen bedarf. Damit man so formulieren kann, muß die Form von Sinn so generalisiert werden, daß sie den schematischen, nicht-expliziten Gebrauch der Form zuläßt. Sinn funktioniert auch ohne den Aufruf von Selektivität, also auch ohne die Appräsentation eines Horizonts anderer Möglichkeiten, die erst durch einen explizit operierenden Beobachter ins Spiel kommen. Daß wir in einer unablässig bedeutenden Welt operieren, heißt nicht, daß in einem fort explizite Deutungsleistungen des Bedeutens vollzogen werden müßten.[31] Daß diese Überlegung auch dahin führen könnte, die Sinnform zumindest rudimentär der psychischen Organisation von Tieren zu unterstellen, liegt auf der Hand.

 

IV

Zuerst jedoch gilt es wieder, eine Konsequenz zu ziehen. Wenn sich Bewußtsein in die Verschmierungen des psychischen Systems als diese Sonderleistung der Bezeichnung einschreibt, dann ist es in der Terminologie von William James eine nonentity, in meiner Sprache ein Unjekt.[32] Es hat jedenfalls und es ist kein Sein. Es hat keinen Rand, keine Innen- und keine Außenseite. Man kann kaum sagen, daß es existiert als ein Bestand, als die Aus- und Auffüllung eines Raumes, gar als Arrangement fester Verdrahtungen. Man kann aber auch nicht sagen, daß es nicht existiert, ohne auf schärfsten (aus introspektiven Evidenzen gespeisten[33]) Widerspruch zu stoßen. Es ist weder noch ist es nicht, wäre die kryptische Formulierung dieses Sachverhaltes, ein Trilemma, dem man (wie James) entkommt, indem man der Seins- und Wesensfrage ausweicht und stattdessen die Funktionsthese plaziert: Das Bewußtsein ist oder bedient eine Funktion.[34] Damit ist schon gesagt, es sei kein denkendes Ding.[35]

In einem noch sehr allgemeinen Sinne ist diese Funktion die Zerlegung oder Digitalisierung eines analogen Stromes von diffusen Wahrnehmungen in aufeinander beziehbare Ereignisse.[36] Oder (ein wenig raffinierter): Die Funktion wäre die Erzeugung von Einheiten, die sich als sequentiell geordnet auffassen lassen, oder (noch dichter): Sie wäre die Erzeugung von Sequenzen, die aus separierbaren Ereignissen zu bestehen scheinen.[37] So wie es das Gedächtnis ermöglicht, schematisch in einer Welt zu operieren, die nicht laufend erinnert werden muß, so würde die Funktion des Bewußtseins darin bestehen, kompakt-opakes Erleben aufzulösen in verkettungsfähige ‚statements‘. In einem sehr tiefen Sinne vollbringt das Bewußtsein (der Vollzug dieser Leistung) das Kunststück, Wasser zu schneiden. Noch schärfer gesagt: Die Funktion des Bewußtseins ist die Formierung und Inszenierung ordnungsfähiger Zeit.[38] Ohne diese Funktion gäbe es, so die starke These, nichts, was auch nur annähernd der Zeit gliche, die wir für die-Zeit-da-draußen halten.[39]

Wenn Beobachtungen (als generell dezidierte Bezeichnungsleistungen) die Instrumente dieser ‚Zäsurierung‘ kompakt-opaken Erlebens sind, dann lassen sie sich zwanglos einordnen in die Diskussion um sogenannte HOR- oder HOT-Operationen. HOR steht für higher-order representation[40]; HOT ist die Abbreviatur für higher-order thought.[41] Diese Konzepte, deren Oberbegriff wohl HOR ist, waren und sind sehr umstritten.[42] Was sie für uns jedoch interessant macht, ist, daß sie im Prinzip davon ausgehen, daß es im Gestöber psychischer Zustände (mental states) die Möglichkeit der Repräsentation eines psychischen Zustandes durch einen Folgezustand geben soll, mithin designierende (higher-order) und nicht-designierte (lower-order) Zustände. Führt man systemtheoretische Erwägungen an diese Idee heran, erhält man ein Medium der Nicht-Dezidiertheit, und: eine Operation, die immer zugleich designierend fungiert, aber selbst designiert werden muß, damit sie nicht singulär (also nichts bedeutend) wird.[43] Kurz, man bekommt Beobachtungen, und nur deswegen fällt in einem Zuge das in jedem Moment Unbeobachtete an. Higher-order, das ist dann nur ein anderer Ausdruck für den (wiederum) tautologischen Umstand, daß nur beobachtet wird, wenn beobachtet wird, und nur das beobachtet wird, was beobachtet wird – also ein anderer (und wegkürzbarer) Ausdruck für System – Autopoiesis as usual.

Das Problem ist dann, wie diese Beobachtungsoperationen, die nicht zeitisoliert vorkommen, nicht an Zeitstellen residieren und eben deswegen nur systemisch passieren, an ihre Ereignishaftigkeit geraten. Es muß ja irgendwie die Funktion eines temporal binding[44] oder einer Hysteresis (einer Verzögerung, eines Aufhaltemoments, einer inertia) wahrgenommen werden. Dafür kommt einerseits das neurophysiologische System in Betracht, das seine eigenen constraints und Bürden offeriert[45], und das heißt hier: eine Temporalität unter die Funktion des Bewußtseins legt, die sowohl physikalisch-klassische Rhythmisierung leistet als auch (wie seit einiger Zeit vermutet wird) einen möglicherweise quantenphysikalisch fundierten Zeitzauber entfacht. Andererseits liegt es hier nahe (und schon deswegen, weil wir uns nicht in die Fallen des explanatory gap verwickeln wollen) einen ganz anderen Zeitbindungs- und Ereigniserzeugungsmechanismus heranzuziehen, der irgendwie in der strukturellen Kopplung sozialer und psychischer Systeme eine zentrale Rolle spielt.

 

V

Die Welt ist nicht formfähig. Sie ist „ein Korrelat endlicher Operationen“.[46] Sie springt sozusagen auf, wenn beobachtet wird[47], und ohne Beobachtung wäre sie – nichts. Weltereignisse sind nur Ereignisse durch Markierung. Sie sind nicht ontologisch vorgegeben. Sie setzen Systeme oder Verhältnisse voraus, in denen die Funktion der Beobachtung wahrgenommen werden kann. Diese Systeme sind aber nicht circumskripte Einheiten, keine kammerartigen Entitäten, sondern (woran wir anfangs erinnert haben) Differenzen-im-Betrieb, also in der Terminologie Spencer-Browns konditionierte Koproduktionen, ein Zugleich-der-Effektbewirkung. Da hier von Sinnsystemen die Rede ist, kommt als einziger Kandidat für diese Koproduktion mit dem Bewußtsein nur noch das Sozialsystem in Frage. Die neuronale Infrastruktur setzt zwar Grenzen im Blick auf Zeitspannen, innerhalb derer Beobachtung ihre eigenen Ereignisse erwirtschaften muß[48], aber sie legt selbst keine Markierungen fest, durch die eine interpunktierte (lücken- oder wechselkonfigurierte) Zeit entsteht. Die neurophysiologische Zeit ‚bootet‘ gleichsam das System, aber ‚formatiert‘ es nicht.

Diese Formate müssen, das steht eigentlich für niemanden mehr zur Debatte, irgendwie in engster Wechselwirkung mit sozialen Systemen aufgezogen werden. Es überrascht deshalb nicht, daß Kommunikation als dasjenige, was die geläufige Systemtheorie als elementare Einheit sozialer Systeme ausgemacht hat, in einigen Hinsichten formal mit den Operationen, die die Funktion des Bewußtseins bedienen, identisch ist. Formal, das soll einen Abstraktionsgrad bezeichnen, bei dem abgesehen wird vom Inhalt (der Intention, dem Thema) jedes Gedankens, jeder Kommunikation. Ebenfalls ausgeblendet wird die Materialität, durch die Bewußtsein bzw. Kommunikation sich realisiert, und die Medien, in die sie sich einschreiben. Dann fällt als formidentisch auf:

  • Die Produktion einer sequentiellen Ordnung, in der Vor- und Rückgriffe durch Referenz auf vergangene oder zukünftige Ereignisse aktuell ermittelt werden.

  • Die ‚Form‘ der autopoietischen ‚Zeitverschmierung´, die es nicht zuläßt, Operationen als Singularitäten zu beobachten und (damit zusammenhängend) anfängliche (ursprüngliche) oder letzte Operationen zu identifizieren. Das ist identisch mit der These, daß es keine (im genauen Sinne) absoluten Operationen oder Ereignisse geben kann.

  • Die Form der Sinnverschiebung oder sinnverschiebenden Dissemination, für die sich der Unbegriff der différance empfiehlt. Das ist gleichbedeutend damit, daß auch Sozialsysteme, wie sehr sie auch immer auf dem Medium Sinn operieren, keine Sinnerfüllung, kein Anlangen an einem Sinntelos erreichen.[49]

  • Die Notwendigkeit, die Sequenz referierbarer Ereignisse selbst herzustellen, dies ohne jede Chance, für diese Ereignisproduktion externe Abstützungen zu gewinnen.

  • Die Unvermeidbarkeit, als Operationstyp den der Beobachtung zu nutzen, mithin: dezidierte Bezeichnungsleistungen an dezidierte Bezeichnungsleistungen anzuschließen.

man geneigt zu spekulieren, kommt eine weitere formale Gleichheit hinzu. In jeder bewußten Operation müssen Informationen (Wahrnehmungen, Intentionen, Fremdreferenz) nicht nur einfach prozessiert, sondern aufgegriffen (vor-gestellt) werden, und zwar so, daß eine weitere Operation als Anschluß an der Information (Fremdreferenz) oder an der Selbstreferenz (im Modus der Fremdreferenz) durch eine weitere Operation gedeutet werden kann, die formal nur Operation ist, wenn sie dasselbe vollzieht.  Genau dieselbe triadische Struktur, die sich in der schieren Sequenz vollzieht, also nur analytisch entfaltet werden kann, findet sich in der Operation der Kommunikation, die Informationen (Fremdreferenz) bezeichnet oder mitteilt (Selbstreferenz) und in der Folgeoperation als Anschluß an die eine oder andere Seite von Fremd- oder Selbstreferenz gedeutet wird, eine Selektion, die in der Kommunikationstheorie dann Verstehen heißt.[50]

Diese formale Identität kann gedeutet werden als Resultat einer Evolution, die beide Systemtypen im Zuge struktureller Kopplung zugleich austreibt und proliferiert. Da strukturelle Kopplung den Direktkontakt der beteiligten Systeme untereinander ausschließt, muß für diese strukturelle Drift ein Medium genutzt werden, daß in ein nicht-dezidiertes Medium (Sinn) ein weiteres, zur Dezidiertheit (Explikativität) taugliches Medium einschreibt, das beide Systemtypen benutzen können. Es müßte die Eigenschaft haben, jeglichen Umgang mit ihm in die Sequentialität zu treiben, aber mit ihm sollte ebenfalls ausgeschlossen sein, daß sich die Systeme in einer vorausgesetzten Welt festrennen. Es muß Bezeichnungsleistungen ermöglichen, aber es darf keinesfalls das Bezeichnete wie externe Entitäten fixieren. Es muß Redundanzen vorsehen, aber trotz Redundanz unentwegte Varietät tolerieren.[51]

Dieses ubiquitär anfallende Medium, es liegt auf der Zunge, es ist die Sprache, es sind die Zeichen.

 

VI

Das Medium Sinn ist für einen Beobachter dadurch gekennzeichnet, daß es, sobald er Formen markiert, anfällt als Unbestimmtheit anders möglicher Kopplungen. Diese etwas sperrige Formulierung ist notwendig, um nicht in den Fehler zu verfallen, das Medium Sinn zu ontologisieren. Im Moment, in dem ein zur Beobachtung befähigtes System bestimmten Sinn bezeichnet, generiert es die andere Seite des Bestimmten, nämlich das Unbestimmtheitsmedium Sinn.[52] Der aktuelle Gebrauch einer Bestimmung wirft (für Beobachter) die Form und die Gegenform (das anders Mögliche) aus.[53] Es gibt, heißt das, keinen Bestand, der einer Formselektion vorgängig wäre, aber auch keine Formselektion ohne einen genau dadurch evozierten Hintergrund der Einschreibung. Eben dies hat die Metapher der Spur so berühmt gemacht, daß mit der Spur der Raum entsteht, den sie verletzt, mit jedem Schnitt das Geschnittene, und keines ohne das andere. Und aus dem gleichen Grund kann man sagen, daß die Form/Medium-Unterscheidung iterativen (tiefenverschachtelten) Zuschnitt hat. So ist es leicht möglich (dies ist die Leistungsfähigkeit dieser Unterscheidung), zu formulieren, daß das Medium Sinn anhand zeichenhafter Kopplungen (etwa anhand Sprache) erscheint, aber diese zeichenhaften Kopplungen ihrerseits als Medium fungieren können, in dem bewußte oder kommunikative Operationen lose Kopplungen in festere transformieren.

Sinnsysteme wären nur Unbestimmtheits- oder Verschmierungssysteme, wenn sie nicht Formen ermittelten und ständig in Gebrauch hätten, die Unbestimmtheit und Bestimmtheit kombinieren. Es gäbe, um es in äußerster Pointierung zu sagen, keine Sinnsysteme ohne Bestimmungsleistungen, die in jedem Vollzug Unbestimmtheit regenerieren.  Wenn man davon ausgeht, daß nur Zeichen für solche Leistungen (für Be-Zeichnungsleistungen) zur Verfügung stehen, wird der Umkehrschluß möglich, daß zeichenfreie Systeme auch keine Sinnsysteme sind. Sinnsysteme dagegen sind immer Zeichen-gebrauchende Systeme.

Das Zeichen ist die Einheit der Unterscheidung von Bezeichnendem und Bezeichnetem.[54] Zeichennutzende Operationen verlieren also nicht das Bezeichnete, auch wenn sie unablässig Bezeichnung an Bezeichnung knüpfen. Die Form des Zeichens garantiert, daß es um etwas geht, um das Bezeichnete, aber das Bezeichnete hält sich nicht in der Welt auf, es ist Moment der Form des Zeichens selbst. Das System prozessiert seinen Unterschied (System/Umwelt) intern, indem es das Andere der Bezeichnung im Zeichen als Bezeichnetes mitnimmt, oder anders: Die Metapher der Internität ist durch diese Einsicht auflösbar, daß Zeichengebrauch dazu zwingt, in jedem Moment die Bezeichnung (die Operation) an Bezeichnetes (Selbstreferenz an Fremdreferenz) zu knüpfen.

Bezeichnungsleistung (Beobachtung) schließt an Bezeichnungsleistung an, aber dabei geht das Bezeichnete nicht verloren. „Die Form des Zeichens erklärt, mit anderen Worten, wie man Operation an Operation anschließen kann, obwohl dies in einer unzugänglichen Welt und im Medium Sinn geschehen muß, das auf der anderen Seite seiner Form immer immense Überschüsse an nichtaktualisierten Möglichkeiten bereithält.“[55] Zeichengebrauch löst das Problem der Referenz in geschlossenen Systemen, ohne daß die Geschlossenheit aufgegeben werden müßte. Die Umwelt des Systems ‚entsteht‘ in jedem Augenblick – einfach deshalb, weil die Operation der Beobachtung die Einheit von Bezeichnung und Bezeichnetem nicht unterschlagen kann. Auch von hier aus wird noch einmal ein erhellendes Licht auf das Axiom geworfen, daß das System Differenz und nicht Einheit sei.

Sieht man von gelegentlichem (sozusagen handfesten) Zeichengebrauch ab und konzentriert man sich auf Sprachzeichen, so kann man mit Luhmann darauf aufmerksam machen, daß das Zeichen (im eben diskutierten Sinne) Isolation und Redundanz miteinander verbindet.[56] Isolation, das bedeutet, daß das Zeichen als Einheit des Bezeichnenden/Bezeichneten (Signifikant/Signifikat) keine sprachexternen Verbindungen pflegt. Wörter sind nicht Zeichen für etwas-da-draußen. Sie spiegeln nicht die Dinge-und-Verhältnisse. Das Wort „Kuh“ hat keine nichtsprachlichen Zustände oder Kontakte, das Wort „Liebe“ liebt nicht, es ähnelt nicht einmal einem Weltzustand, den man so zu bezeichnen beliebt. Es ist in Saussures Terminologie: arbiträr. Das Wort Isolation akzentuiert dem gegenüber nur, daß diese Arbitrarität an beobachtende Systeme geknüpft ist, die in keinem Verhältnis der Kontiguität zur Umwelt operieren, also kollabieren würden, wenn das Zeichen „blau“ die Farbe „blau“ wäre oder wenn das Wort „Kannibalismus“ sich selbst auffräße.[57]

Die Isolation der Zeichen läßt keine Außenabstützungen zu. Zeichenverkettung durch Zeichen benutzende Operationen muß deshalb voraussetzen, daß jedes Zeichen in minimaler Weise Informationen mitführt: über das, was kommen kann (was paßt) oder was nicht kommen sollte (und deshalb provoziert, wenn es kommt).[58] Zeichen müssen (um die bekannte Definition der Information von Bateson aufzunehmen) einen Unterschied machen, der unterschieden werden kann. Sprachzeichen sind mithin differentiell. „Dans la langue il n´y a que des différences.“ sagt Saussure in seiner so oft zitierten Wendung.[59] Ihr Wert ist ihr Ort in einer differentiellen Topik, nicht eine Eigenschaft oder eine in ihnen anzutreffende Substanz. Die einzige Verpflichtung ist, wenn man so sagen darf, daß die Sprachzeichen unterscheidbar sind, und nur das, vermuten wir, garantiert jene minimale Zeitbindung (jene Redundanz und Wiedererkennbarkeit), die es ermöglicht, eine Zeit zu bauen, in der Ereignisse und Zäsuren und Zäsuren als Ereignisse in der Form ansteuerbarer, erinnerungsfähiger Einheiten erscheinen.

Tatsächlich finden sich sprachwissenschaftliche Unterscheidungen, die sich auf diese spezifische Unterscheidbarkeit beziehen. Eine erste einschlägige Differenz wird unter dem Titel doppelte Artikulation geführt.[60] Damit wird der Umstand bezeichnet, daß die Sprache zwei Artikulationsniveaus kombiniert, die Ebene nämlich von Einheiten, die bedeutungsfähig sind (Moneme, Morpheme), und die Ebene von Einheiten, die bedeutungsfrei arbeiten (Phoneme, Figuren). Das erstgenannte Artikulationsniveau bezieht sich auf Elemente, denen (und sei es minimaler) Sinn attribuiert werden kann.[61] Gemeint ist also die Zwei-Seiten-Form der Zeichen, hier: Wörter. Die Ebene der Phoneme (zum Beispiel die P, H, O, N, E, M, E des vorangegangenen Wortes) nutzt keine Zeichen im Sinne der Zeichenform (Bezeichnendes/Bezeichnetes).

Beide Ebenen aber sind, zu doppelter Artikulation zusammengezogen, extrem ökonomisch und produktiv und so übrigens nur in der Sprache verfügbar. Denn die Monem-Struktur gestattet es, wiederverwendbare Einheiten zu gewinnen, zum Beispiel einen Satz in Wörter zu zerlegen, denen in anderen Sätzen andere (ähnliche oder gar diametral entgegengesetzte) Bedeutungen zugewiesen werden kann. In unserer Terminologie: Sie konstituieren ein Medium distinkter, formgleicher, wiederverwendbarer Elemente, aus denen eine unbegrenzte Anzahl von Bedeutungen generiert werden kann, ohne daß die Elemente mit diesen Bedeutungen dauerhaft fixiert und dadurch unbrauchbar würden. Die Phonemstruktur wiederholt dieses ökonomische Prinzip auf Lautebene. Aus wenigen Phonemen (kaum dreißig), die ebenfalls wiedererkennbar sind, kann eine ungeheure Menge von Wörtern abgezogen werden, ohne daß diese Elemente durch diese multiple Verwendbarkeit in irgendeiner Weise so zu beeinträchtigen wären, daß sie für weitere Verwendungen ausfielen.

Der Gedanke der doppelten Artikulation führt damit auf das Konzept einer mehrfach gestuften Anwendung der Medium/Form-Unterscheidung, in der vorausgesetzt ist, daß auf jeder Iterationsstufe distinkte Elemente zur Verfügung stehen: Phoneme, Moneme, Wörter, Sätze. Die Arbitrarität der Zeichen (ihre Unmotiviertheit) gewährleistet, daß von der Artikulationsebene der Moneme an aufwärts der Sinn gleiten kann, also nicht zusammenschnurrt auf die quasi lexikalische Bedeutung der Wörter.

Auf die Unterscheidung der doppelten Artikulation läßt sich eine weitere Differenz projizieren, die Saussure ausgearbeitet hat.[62] Er unterscheidet syntagmatische von assoziativen (paradigmatischen) Beziehungen. Die syntagmatischen Beziehungen (in praesentia) bezeichnen die Konstitution des Wertes eines Wortes durch seine Position in einem Gefüge vorangegangener und folgender Wörter in einem Satz (oder Syntagma). Das ist also die Markierung einer Bedeutung in einer Sequenz durch die Sequenz. Assoziative Beziehungen (in absentia) bezeichnen dagegen die Markierung des Wertes eines Wortes, die aus alternativen, anders möglichen Verwendungen desselben Wortes und verwandter Wörter resultiert. Das entspricht ziemlich genau der Vorstellung, die wir oben diskutiert haben, daß nämlich Beobachtungen Unterscheidungen (andere Möglichkeiten von Unterscheidungen) anhand einer Markierung aufrufen können.

In jedem (operativ eingesetzten[63]) Element der Sprache ist, wie sich jetzt sagen läßt, die Form der Beobachtung realisiert. Es gibt keine Beobachtung ohne Verkettung (Autopoiesis), also ohne Elemente in syntagmatischer Relation, und keine Markierung (Bezeichung) ohne die assoziative oder paradigmatische Funktion, die die Bedeutung eines markierten Sinns über die Ansinnbarkeit von Unterscheidungen reguliert, die der realisierten Operationskette extern sind. Sprache ist, so das Ergebnis, der operativen Autopoiesis in Sinnsystem isomorph. Und: Kein Ereignis könnte unterschieden werden ohne das Medium (diese Ressource) von distinkten, wiederverwendbaren, wiedererkennbaren, erinnerungsfähigen Elementen. Nur deshalb können wir Sprache als Kopplungsmedium auffassen, und deshalb nur können wir die These wagen, daß Beobachtungsleistungen (dezidierte), mithin sprachbenutzende Operationen sind.

 

VII

Die Funktion des Bewußtseins wird sprachförmig bedient. Das Moment der Dezidiertheit (der Explikativität) von Beobachtung findet sich genau darin, daß die Bezeichnungsleistung distinkte Zeichen in Anspruch nimmt, die (in dieser Weise nahezu konkurrenzlos) durch die Sprache gegeben sind.[64] Beobachtungen sind dezidierte Operationen, weil sie distinkte Zeichen zur Sinnermittlung und Ereignisproduktion benutzen. Die Distinktion, die im Sprachzeichen vorliegt, erlaubt es, etwas als etwas zu bezeichnen, also Ereignisse zu schaffen, denen zugemutet werden kann, etwas als etwas bezeichnet zu haben. Die These im Umkehrschluß: Kein Bewußtsein ohne Sprache. Oder im Gedankenexperiment: Wer die Sprache des Bewußtseins auf Null fährt, fährt das Bewußtsein auf Null.[65] Würde die Sprache insgesamt gelöscht, würden (in der Logik struktureller Kopplung) auch alle Sozialsysteme eliminiert. Es gäbe keine Zeitbindungen mehr, keine Wiedererkennbarkeiten, keine Zeitstruktur, keine beobachtete Welt. Aller Sinn fiele ins Unzuständliche zurück.

Wenn das akzeptiert wird, ergibt sich erneut, daß das Bewußtsein keinen Ort, keine somatische Grenze, kein Sein in irgendeinem herkömmlichen Verständnis hat. Es residiert in der Sprache und hat doch (weil die Sprache kein System, kein Operator ist) in der Sprache keine Residenz. Es ist kein ES. Es kann nur durchkreuzt geschrieben werden, weil es in der Kopplung psychischer und sozialer Systeme (also wiederum: nicht an einem Ort) aufspringt und fungiert.[66] Im psychischen System erscheint es als das genuin Nicht-Psychische, als inkorporierte Alterität. Und klar ist, warum wir dann das Gehirn und das Bewußtsein so schlecht zusammenbringen: Das Nervensystem spricht nicht. Für das psychische System ist Bewußtsein: Sprache-im-Betrieb. Man könnte auch sagen: Was wir bislang Bewußtsein nannten, ist der sprachliche Weltkontakt (die sprachliche Formatierung) des psychischen Systems – Sprache-in-psychischer-Operativität. Und umgekehrt: Das Nicht-Sprachliche des psychischen Systems ist das Nicht-Bewußte. Eine Konsequenz, die wir hier nur andeuten können, ist, daß das psychische System deshalb nicht die relevante Umwelt des sozialen Systems ist. Darum ist Bewußtsein der Schlüsselbegriff, wenn von der Kopplung sozialer Systeme mit, sagen wir, Leuten die Rede ist. Das begründet auch die Notwendigkeit und den Anspruch für eine soziologische Systemtheorie, für Bewußtsein, nicht aber für das psychische System zuständig zu sein.

Einer alten rhetorischen Tradition folgend, möchte ich aber abschließend eine Klimax der Argumentation nicht verhehlen, nämlich die seltsame Wiederbelebung der Kantschen Figur des transzendentalen Subjekts. Solange man dem Bewußtsein ein SEIN, einen Ort, einen Topos zuschreibt und es nicht in die Atopie operativen Sprachgebrauchs entläßt, mag es sinnvoll sein, von vielleicht sechs Milliarden empirisch vorfindlichen Bewußtseinen zu reden, also Bewußtsein segmentär und plural vorzustellen: Ich habe ein Bewußtsein, du hast ein Bewußtsein etc. Wenn man aber sagt, daß die Sprache psychischen Operationen zur Periodizität ihrer Welterfahrung verhilft, dann hat man so etwas wie ein global externes Moment einer Internität, oder, um es mit Lacan zu sagen: ein Phänomen der Extimität.[67] Oder eben: ein dem psychischen System transzendentalen Generator der Möglichkeit von Weltbeobachtung. Oder, um es noch einmal zuzuspitzen: Das Bewußtsein ist durch und durch konventionell und alles andere als singulär.

Mir gefällt das. Es paßt zu alten Ideen, denen zufolge die Welt im Bewußtsein ihre Augen öffnet.

 


[1] Ich erinnere an das theoretische Schlüsselwerk von Luhmann, N., Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984, ferner daran, daß auch die einzige einschlägige Zeitschrift „Soziale Systeme“ heißt.

[2] Der Titel des eben zitierten Werkes ist aus diesem Grunde von erstaunlicher Ambiguität.

[3] Ich nenne wenige Beispiele: Luhmann, N., Die Autopoiesis des Bewußtseins, in: Soziale Welt 36, 1985, S.402-446 (ebenfalls in: Hahn, A./Kapp, V. (Hrsg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis, Frankfurt 1987, S.25-94); ders., Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?, in: Gumbrecht, H.U./Pfeiffer, K.L. (Hrsg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt a.M. 1988, S.884-905; Baecker, D., Die Unterscheidung zwischen Kommunikation und Bewußtsein, in: Krohn, W./Küppers, G. (Hrsg.), Emergenz: Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, Frankfurt a.M. 1992, S.217-268; Bergmann, W./Hoffmann, G., Selbstreferenz und Zeit: Die dynamische Stabilität des Bewußtseins, in: Husserl Studies 6, 1989, S.155-175; Fuchs, P., Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, Die Herrschaft der Verlautbarung und die Erreichbarkeit des Bewußtseins, Frankfurt a.M. 1998; ders., The Modernity of Psychanalysis, in: Germanic Review, Vol.74, Number 1, Winter 1999, S.14-29; ders., Die Metapher des Systems, Studien zur allgemein leitenden Frage, wie man den Tanz vom Tänzer unterscheiden könne (im Druck).

[4] Man kann sie TND-Beobachter nennen nach dem tertium-non-datur-Satz der klassischen Logik.

[5] Vgl. zu einer entsprechenden Einordnung Fuchs, P., Moderne Kommunikation, Zur Theorie des operativen Displacements, Frankfurt a.M. 1993; ders., Die Form der Romantik, in: Ernst Behler et.al. (Hrsg.), Athenäum, Jahrbuch für Romantik, Jg.3, Paderborn, München, Wien, Zürich 1993, S.199-222; vgl. zu kommunikativen Konsequenzen dens., Die kleinen Verschiebungen, Zur romantischen Codierung von Intimität, in: Walter Hinderer (Hrsg.), Codierungen von Liebe in der Kunstperiode, Würzburg 1997, S.49-62.

[6] Ein klassischer re-entry im Sinne von Spencer-Brown, G., Gesetze der Form, Lübeck 1997.

[7] Da fügt es sich, daß die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie auch nicht zu sehr viel anderen Ergebnissen kommt.

[8] Vgl. dazu die Beiträge in Jahraus, O./Ort, N. (Hrsg. unter Mitwirkung von Schmidt, B.M.), Beobachtungen des Unbeobachtbaren, Weilerswist 2000.

[9] Fast hätte ich geschrieben: in anderen Umständen. Die Alltagsbedeutung dieser Wendung hätte vielleicht nicht einmal gestört.

[10] Denen ich im oben zitierten Buch zur Metapher des Systems entschiedener nachgehe.

[11] Die dritte Möglichkeit wäre: visio statt Theorie.

[12] Vgl. Spencer-Brown, G., Vgl. A Lion´s Teeth, Löwenzähne, Lübeck 1995, etwa S.20: „How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction.“; vgl.dens., Gesetze der Form, Lübeck 1997, Vorstellung der internationalen Ausgabe, S.ix f..

[13] Siehe für Einwände gegen diese cartesische Falle Fuchs, P., Intervention und Erfahrung, Frankfurt a.M. 1999. Vgl. zu früher Thematisierung der Raum- bzw. Containermetapher Junge, K., Zur räumlichen Einbettung sozialer Strukturen. Einleitende Überlegungen zu einer Topologie sozialer Systeme, Diss. Gießen 1993.

[14] Das zeigt sich etwa in der fatalen Verzweiung der entsprechend ausdifferenzierten Disziplinen (Soziologie/Psychologie).

[15] Er hielt den Systembegriff interessanterweise für weniger abstrakt. Vgl. Freud, S., in: Freud, A. et al. (Hrsg.), Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Frankfurt a.M. 1986(8) GSW, Bd. II/III, S.542 (Die Traumdeutung). Dieses Fluidale läßt es dann leicht möglich werden, letztlich ausgehend von der Freudschen Energiemetapher, das psychische System chaostheoretisch zu behandeln. Vgl. dazu Ciompi, L., Die emotionalen Grundlagen des Denkens, Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen 1997.

[16] Luhmann hat immer bekräftigt, daß Kausalitäten das System durchlaufen, die das System nicht dominieren kann.

[17] Eine der schärfsten Theoriemittel ist also, wie man sagen könnte, die Tautologie.

[18] Es kommt jetzt nicht auf den Namen dieser Elemente an, also ob man sie Gedanken oder Intentionen oder sonstwie nennt. Wichtig ist, wie sich bald zeigen wird, daß es um Elemente desselben Typs geht.

[19] Dafür steht das bekannte Anfang/Ende-Problem ein. In Sinnsystemen gibt es kein originäres erstes Ereignis, keinen Ursprung, keine arché ohne die Kategorie der zweiten Ereignisse, die aber doch nur Zweitereignisse sind durch Drittereignisse etc. Und so gibt es auch kein letztes Ereignis, denn es wäre im Unzustand des Unbeobachteten.

[20] Sehr schön in diesem Zusammenhang Salvator Dali (zit. nach Descharnes, R./Néret, G., Savator Dali, 1904-1989, Das malerische Werk, Teil 1, 1904-1946, Köln 1997, S.273), der in seinen „Zehn Rezepten für die Unsterblichkeit“ befindet, dass ein Kamel, „betrachtet ... durch ein elektronisches Mikroskop, ... viel weniger präzis ist als eine Wolke.“

[21] Wir müssen hier nicht weiter auf die Helligkeitsmetapher eingehen. Aber worum es geht, ist in folgendem Zitat verdichtet: „Mit dem Bewußtsein ist schlechthin Licht verbunden. Ich weiß mich im Licht; mein Wissen ist Licht; so weit Licht ist, so weit weiß ich; wo es aufhört, wo Undurchsichtigkeit angeht, da weiß ich nicht mehr.“ Ritter, J.W., Fragmente aus dem Nachlaß eines jungen Physikers, Stuttgart 1946, S.66.

[22] Siehe zu dieser Metapher Deleuze, G./Guattari, F., Tausend Plateaus, Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1997 (Mille plateaux Paris 1980), S.41. Daß sich die Ölmetapher im Kontext zumindest des neuronalen Systems schon früh findet, erkennt man an folgender Frage Ritters, a.a.O., S.50: „Sind die ätherischen Öle der Pflanzen wohl gleichsam flüssige Nerven und Hirne derselben?“

[23] Die Rede von der Sequentialität autopoietischer Systeme ist also keineswegs voraussetzungslos. Sie ist eine didaktisch/methodische Simplifikation.

[24] Auch dies ist eine instruktive Tautologie.

[25] Siehe grundlegend Heider, F., Ding und Medium, in: Symposion. Philosophische Zeitschrift für Forschung und Aussprache 1, 1926, S.109-157. Vgl. zur Anwendung in der modernen Systemtheorie für viele Texte Luhmann, N., Das Kind als Medium der Erziehung, in: Zeitschrift für Pädagogik, Jg.37, H.1, 1991, S.19-40; Luhmann, N., Das Medium der Kunst, in: Delfin 4, 1986, S.6-15. Siehe auch Fuchs, P., Der Mensch — das Medium der Gesellschaft?, in ders./Göbel, A. (Hrsg.), Der Mensch — Das Medium der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1994, S.15-39.

[26]  Mit dieser Überlegung ersetzen wir auf zirkuläre Weise die Rede von Eigenschaften des Gegenstandsbereiches. Wenn und insoweit Systemtheorie Beobachtungstheorie ist, verzichtet sie auf die Annahme, daß es Gegenstände mit Eigenschaften gebe, die sich unabhängig von einem Beobachter beobachten (!) ließen.

[27] Vgl. dazu Fuchs, P., Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne, Konstanz 2001 (in Vorbereitung). Die Kaskade der Konjunktive ist hier systematisch wichtig.

[28]  Siehe dazu Fuchs, P., Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, Die Herrschaft der Verlautbarung und die Erreichbarkeit des Bewußtseins, Frankfurt a.M. 1998.

[29] Ausnahmen bestätigen die Regel instruktiv. Ich denke hier etwa an schwerste geistige Behinderung. Davon betroffene Menschen haben meinem Eindruck nach keine Wahrnehmung in diesem Sinne, aber gleichwohl eine psychische Organisation. Das kann man übrigens erst sehen, wenn man die Differenzierung psychisches System/Bewußtsein oder die Unterscheidung nicht dezidierter und dezidierter (expliziter) Operationen zuläßt.

[30] Hier einschlägig der berühmte Aufsatz von Nagel, Th., Wie es ist, eine Fledermaus zu sein?, in ders., Über das Leben, die Seele und den Tod, Königstein 1984.

[31] An dieser Stelle wäre schlüssig diejenige Gedächtnistheorie anzuhängen, die die Funktion des Gedächtnisses als Vergessen bestimmt. Vgl. Luhmann, N., Zeit und Gedächtnis, in: Soziale Systeme, H.2, 1996, S.307-330; Baecker, D., Überlegungen zur Form des Gedächtnisses, in: Schmidt, S.J. (Hrsg.), Gedächtnis, Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Frankfurt a.M. 1991, S.337-359. Siehe grundlegend: Foerster, H.v., Das Gedächtnis, Eine quantenphysikalische Untersuchung, Wien 1948; ders., What is memory that it may have Hindsight and Foresight as well?, in: Bogoch, S., The Future of the Brain Sciences, New York 1969, S.19-64. Statt von Schemata könnte man vielleicht auch von assumptions sprechen im Sinne des Bartlebyschen Anwaltes. Vgl. Deleuze, G., Bartleby oder die Formel, Berlin 1994, hier S.19f.

[32] Vgl. dazu den bekannten Aufsatz von James, W., Does ‚Conciousness‘ exist?, in: Journal of Philosophy, Psychology, and Scientific Methods, 1, 1904.

[33] Wie James, W., The Principles of Psychology, Cambridge 1993 (1890), S.187ff. ist für uns Introspektion Retrospektion.

[34] Das ist natürlich im Rahmen einer letztlich funktionalistisch entwickelten Theorie keine Überraschung. So heißt es etwa, daß autopoietische Systeme kein Gedächtnis hätten, es sei denn: als Funktion des Vergessens.

[35] Auch das ist nicht traditionsfrei gesagt, wenn man an den Hinduismus denkt oder an den Buddhismus. Im übrigen ist, glaube ich, deutlich, daß dieser Gesichtspunkt uns davon erlöst, uns einordnen zu müssen in den Kontext physikalischer, phänomenalistischer, epiphänomenalistischer, panpsychistischer oder dualistischer Theorien (und all ihrer denkbaren Antis). Nicht-ontologische Theorien werden nicht einmal von diesen Ramifikationen der einen Frage „Was ist Bewußtsein?“ tangiert.

[36] Die Strommetapher ist hier sehr schwach, da sie ja mitunter auf das Bewußtsein selbst bezogen wird, etwa als die literarische Technik, die Joyce nutzte: stream of conciousness. Aber es geht dabei nur um einen Strom von Wörtern, und genau besehn, nicht einmal darum.

[37] Auf dieses scheinen komme ich noch zurück.

[38] Das begründet auch die Nähe der Bewußtseinsform zur Musik. Vgl. Fuchs, P.,Vom Zeitzauber der Musik, Eine Diskussionsanregung, in: Baecker, D. et al. (Hrsg.), Theorie als Passion, Frankfurt a.M.1987, S.214-237; ders., Die soziale Funktion der Musik, in: Lipp, W. (Hrsg.), Gesellschaft und Musik, Wege zur Musiksoziologie, in: Sociologia Internationalis, Beiheft 1, 1992, S.67-86; ders., Musik und Systemtheorie - Ein Problemaufriß, in: Tobias Richtsteig, Uwe Hager, Nina Polaschegg (Hrsg.), Diskurse zur gegenwärtigen Musikkultur, Regensburg 1996, S.49-55.

[39] Die These ist stark, weil sie von Intentionalität erst einmal abkoppelt (sie, genau besehn, so nachrangig setzt wie die Luhmannsche Systemtheorie Handlung gegenüber Kommunikation. Dann: Sie ist kompatibel mit neurophysiologischen Untersuchungen, die das Hirn oder das komplette neurophysiologische System als Zeitmaschine begreifen. Daß diese These hier noch nicht vollständig ist, erklärt sich aus unserer hälftigen Argumentation. Wir benötigen noch die Referenz auf Kommunikation.

[40] Siehe etwa Lycan, W.G., Consciousness, Cambridge 1986; ders., Consciousness and Experience, Cambridge 1995.

[41] Vgl. Rosenthal, D., Thinking that One Thinks, in: Davies, M./Humphreys, G. (Hrsg.), Consciousness, Oxford 1993, S.197-223. Es ließe sich noch HOP hinzufügen (higher-order perception). Siehe etwa Armstrong, D.M., What is Consciousness?, in ders., The Nature of Mind and Other Essays, Ithaka NY 1981, S.55-67. Kenner Freuds werden sich daran erinnern, daß bei ihm das Bewußtsein als Wahrnehmungsorgan in eine ganz ähnliche Funktionsstelle eintritt. Im Sanskrit bezeichnet manas etwas dem sehr Verwandtes, ein geistiges Organ, das nach innen arbeitet wie die gewöhnlichen Sinnesorgane nach außen.

[42] Vgl. Dretske, F., Conscious Experience, in Mind 101, 1993, S.263-283; Güzeldere, G., Is Conciousness the Perception of what Passes in One´s Own Mind?, in: Block, N. et al. (Hrsg.), The Nature of Consciousness, Cambridge 1997, S.789-806; Siewert, C., The Significance of Consciousness, Prinnceton N.J. 1998.

[43] Daß von hier aus dann Theorien, die mit der Unterscheidung Signifikant/Signifikat arbeiten, ein anderes Format gewinnen könnten, liegt auf der Hand.

[44] Dieser Begriff wird hier in überaus loser, aber keineswegs unabsichtlicher Nähe zu den Studien von Wolf Singer und seinem Arbeitskreis gebraucht.  Siehe etwa Singer, W. et al., Neuronal Assemblies: Necessity, Signature and Detectability, in: Trends in Neuroscience, Vol.1, Nr. 7., 1997.

[45] Siehe etwa Riedl, R., Mit dem Kopf durch die Wand. Die biologischen Grenzen des Denkens, Stuttgart 1994.

[46] Vgl. Luhmann, N., Weltkunst, in: Luhmann, N./Bunsen, F.D./Baecker, D., Unbeobachtbare Welt, Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S.7-45, S.8.

[47] Nicht ohne Anlaß könnten wir von einer déhiscence sprechen im Sinne von Lacan, J., Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint, Bericht für den 16. Internationalen Kongreß für Psychoanalyse in Zürich am 17. Juli 1949, in: Lacan, J., Schriften I ( in deutscher Sprache hrsg. von Haas, N/Metzger, H.-J.), Weinheim — Berlin 1991(3), S.61-70, S.63.

[48] Dazu immer noch eindrucksvoll Pöppel, E., Grenzen des Bewußtseins, Über Wirklichkeit und Erfahrung, München 1987.

[49] Man kann dann wie Zarathustra mit einem großen segnenden JA durch die Täler streifen, aber es ist klar, daß die Sinndisseminationsmaschine deswegen nicht stoppt.

[50] Ich bin mir heute nicht sicher, ob dies eine sehr glückliche Wortwahl war. Sie empfiehlt sich durch Tradition, aber erzeugt auch einen bias in Richtung psychisches Verstehen.

[51] Vgl. dazu Atlan, H., Noise, Complexity and Meaning in Cognitive Systems, Revue Internationale de Systemique, Vol.3, Nr.3, S.237-249, S.241f.

[52] Dies ist dieselbe Figur wie die Annahme, daß das Bewußtsein, weil es beobachtet, seine Gegenseite mitproduziert, das Andere seiner selbst.

[53] Vgl. Luhmann, N., Zeichen als Form, in: Baecker, D. (Hrsg.), Probleme der Form, Frankfurt a.M. 1993, S.45-69, S.64.

[54] Vgl. dazu den eben zitierten Aufsatz von Luhmann.

[55] A.a.O., S.65.

[56] Vgl. dazu auch Esposito, E., Zwei-Seiten-Formen in der Sprache, in: Baecker (Hrsg.), a.a.O., S.88-119, deren Argumentation ich weitgehend folge.

[57] In der Kunst wird dann genau mit diesem Problem gespielt.

[58] In der klassischen Rhetorik ist dies mit der Unterscheidung von aptum/inaptum bezeichnet.

[59] Saussure, F.d., Cours de linguistique générale, Paris 1972, S.166.

[60] Ein Begriff von André Martinet, hier zit. nach Esposito, a.a.O., S.107, deren Argumentation ich weiter folge.

[61] Nur so sind ja Wörterbücher möglich, bezogen auf eine Sprache, die Bedeutungen in einem differentiellen Netzwerk ermittelt.

[62] A.a.O., S.170ff; Esposito a.a.O., S.112ff. Vgl. auch Fehr, J., Saussure: Zwischen Linguistik und Semiologie, Ein einleitender Kommentar, in: Saussure, F. de, Linguistik und Semiologie, Notizen aus dem Nachlaß, Texte, Briefe und Dokumente (gesammelt, übersetzt und eingeleitet von Johannes Fehr), Frankfurt a.M. 1997, S.17-226, S.168ff. et passim.

[63] Es ist wichtig, zu sehen, daß wir von Operationen ausgehen und nicht von einem System der Sprache. Die Systemtheorie hat ihre spezifische Einfärbung eben in dieser Referenz auf Operativität.

[64] Man könnte einwenden, daß man auch mit Bildern, konturierten Imaginationen etc. beobachten könnte, aber die Gegenfrage wäre, ob dies zu einem komplexen Strukturaufbau führen würde. Entscheidend ist ja die These, daß das psychische System Wahrnehmungen prozessiert (auch in der Form der non-perceptional experience), daß aber von Bewußtsein erst im Moment von Bezeichnungsleistungen die Rede sein kann, die syntagmatisch und paradigmatisch verknüpft sind.

[65] Die Anregung dazu findet sich bei Valery, P., Cahiers/Hefte 1, Frankfurt a.M. 19912 , S.523: „Was einzig durch Sprache existiert, mit null gleichsetzen - - - die Sprache gleich null setzen. Die Sprache bildet die Gesamtperspektive des Geistes. Man ist verstört, gedemütigt, vernichtet, wenn man die Sprache annulliert denn man annulliert zugleich das ‚Wiedererkennen‘, das Vertrauen, den Kredit, die Unterscheidungen von Zeiten und Zuständen, die ‚Dimensionen‘, die Werte, die ganze Zivilisation, Schatten und Glanz der ‚großen Welt‘, ja die Welt überhaupt, und es bleibt nur das, was mit nichts Ähnlichkeit hat: das Ungeformte.“

[66] Ich erinnere an die kreuzweise Durchstreichung des Seins durch Heidegger, M., Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1953, S.31, oder an Derrida, J., Randgänge der Philosophie, Wien 1988, S.31.

[67] Vgl. dazu Miller, J.-A., Extimité, in: Prose Studies 11, 1988, S.121-130. Deswegen kann Sartre formulieren, dass das Ego (als Bewohner des Bewusstseins) die Qualität der „opacité“ habe. Siehe Sartre, J.P., Bewusstsein und Selbsterkenntnis, die Seinsdimension des Subjekts, Hamburg 1973, S.33f. Vgl dazu, dass im Innersten des Menschen der proton pseudos, die Ursprungslüge residiert, durch die die "Inkonsistenz der symbolischenOrdnung" verborgen/verdeckt wird, Zizek, S., Die Metastasen des Geniessens, sechs erotisch-politische Versuche, Wien 1996, S.11.